Rio Blog
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Mi
23
Dez
2009
Weihnachtsstimmung? Na klar!
Als ich gerade in den Sonnenuntergang von Ipanema geradelt bin, habe ich versucht, mich an Weihnachten in Deutschland zu erinnern. Außer ein paar Bildfetzen kam aber nichts. Es mag an der Hitze liegen, am Sommerfeeling - ich weiß es nicht. Habe ich deshalb keine Weihnachtsstimmung? Weit gefehlt! Gerade in den letzten Tagen hat sich in mir etwas entwickelt, was eindeutig weihnachtlich ist. Zuerst war es nur ein zarter Hauch eines neuartigen Gefühls. Mittlerweile bin ich aber davon überzeugt, dass es sich um eine ausgeprägte, tropische, fröhliche und ausgelassene echte Weihnachtsstimmung handelt! Und das liegt nicht an den überkitschten allgegenwärtig wild blinkenden Lichterketten. Es ist etwas anderes und die Kälte fehlt nebenbei ganz und gar nicht.
Wir haben viel Besuch aus Deutschland und kennen natürlich auch so hier in Rio viele Deutsche. Viele (nicht alle!) klagen das gleiche Lied: Keine Weihnachtsstimmung, da zu heiß. Der brasilianische Teil meiner Familie reagiert gekränkt und irritiert. Zurecht, wie ich finde. Den Brasilianern ist Weihnachten mindestens genauso wichtig, wie den in Rio meist in sehr angenehmen Verhältnissen lebenden Deutschen. Sicher, auch hier gibt es überall die gleiche Weihnachtsästhetik, wie in den kälteren Regionen des Erdballs. Kunstschnee, dick eingepackte Weihnachtsmänner, Schlitten usw. Dass Weihnachten aber nicht zwangsläufig mit Schnee (eh in Deutschland sehr selten, in Flensburg in den vergangenen Jahren eher 7 Grad und Nieselregen) verbunden ist, zeigt ein Blick auf die globale Wetterkarte. In Jerusalem sind für die nächsten Tage 17 bis 18 Grad angesagt!
Manchmal habe ich den Eindruck, dass der eine oder andere aus Europa stammende Urlauber oder Neueinwohner in Rio zu sehr in dem gefangen bleibt, was er sich zuvor über Brasilien angelesen oder gehört hat. Mich verblüffen jedenfalls regelmäßig die Wiedergabe der aus meiner Sicht seltsamsten Klischees. Dass man hier - weihnachtlich kältemäßig europäisch sozialisiert - keine Weihnachtsstimmung bekommen kann stimmt aus meiner Sicht nur, wenn man eben ganz genau das erwartet, was man schon kennt.
Vor drei Tagen war ich mit meiner Frau im "Norte Shopping", einem etwas preiswerteren Shoppingcenter in der Nordzone Rios. Es war brechend voll. Reißverschlussverkehr vor den Rolltreppen, ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen. Dennoch, keine Rempeleien, kein Gequake, keine hochgeklappten Kragen und kältegeplagte Gesichter. Stattdessen sommerliche Frische und sehr freundliche Verkäufer. Mir persönlich fehlt die Kälte nicht und ich freue mich schon sehr auf morgen, wenn die Bude voll wird, alle etwas zu Essen mitbringen und sich keiner beschwert, wenn Giovanna auch um Mitternacht noch putzmunter ist. Frohe Weihnachten :-)
Do
01
Okt
2009
Freitagnachmittag im ARD-Studio Rio de Janeiro
Kameramann Thorsten Thielow im ARD-Studio RioFreitagnachmittag in Rio: An vielen anderen Orten auf der Welt und auch in Rio ist längst das Wochenende eingeleutet. Nicht so in dem idyllisch gelegenen Studio der ARD im Stadtteil Jardim Botanico. Hier herrscht auch am späten "Sexta-feira" noch reges Treiben. Auf der Terasse sitzt Büroleiterin Bettina mit Kolleginnen und Kollegen, um künftige Projekte zu besprechen. Korrespondent Thomas Aders feilt im Büro an seinen Texten zum Dokumentarfilm über Alexander von Humboldt und gewährt mir erste Einblicke in diese Produktion. Kameramann Thorsten Thielow schneidet einen Trailer zu seinem Film über Peru. Seine Bilder sind von ungeheurer Kraft. Da kann man als Amateur echt nicht mehr mithalten.
Ein paar Stunden später gegen Abend: Außer Thomas, Thorsten und mir als Gast ist niemand mehr da. Thomas und Thorsten machen noch eine Sprachaufnahme.
Was mich beeindruckt ist diese professionelle Arbeitsatmosphäre!
Hier wir mit Spaß gearbeitet. Es wird solange gerungen, bis beide Perfektionisten zufrieden sind. So muss es sein!
Die Dokumentation über Humboldt wird in der ARD als Mehrteiler im Weihnachtsprogramm laufen. Meine unbedingte Empfehlung!
Di
29
Sep
2009
In Rio hätten die Grünen gewonnen!
Stimmauszählung in der Sociedade GermaniaIn Rio de Janeiro fahren viele Brasilianer am Wochenende in ihre "Clubs", um sich vom Alltag zu erholen. Einer dieser, nicht selten traditionsreichen Clubs ist die SOCIEDADE GERMANIA, auch Deutscher Club genannt. Hier fand am vergangenen Wahlsonntag eine deutsche Wahlparty auf Einladung des Deutschen Konsulats in Rio statt. Neben deutscher Kost (Sauerkraut, Spätzle, Schwarzbrot usw.) gab es eine Liveberichterstattung von den Wahlen in Deutschland. Alle Gäste waren aufgefordert, auf Stimmzetteln ihre Wahlentscheidung festzuhalten und in eine Wahlurne zu stecken. Gegen 16.00 Uhr (das Wahlergebnis aus Deutschland war nach Ortszeit Rio ja bereits um 13.00 Uhr recht deutlich) erfolgte die Auswertung mit einer großen Überraschung für mich: Die Grüne Partei hatte mit Abstand die meisten Stimmen bekommen!
Fr
18
Sep
2009
Lily Allan in Rio
Obwohl ich mir gestern im Lily Allan-Konzert zeitweise ganz schön alt vorkam, habe ich diese Energiebombe doch sehr genossen. Ich finde ihre Musik mit den provokanten Texten klasse! Leider war das Publikum wahrscheinlich gar nicht so, wie Lily zu sein scheint. Nix mit Provokation, sondern reiche Oberschichtskiddies, die sich die superteuren Eintrittskarten (ca. 90 Euro!!!) leisten können, die Texte zwar auswendig und artig mitsingen, sich aber entrüsten, dass Lily auf der Bühne trinkt und - absoluter Aufreger - sogar raucht! Vielleicht gab es deswegen auch keine Zugabe. Nach einer Stunde perfektem Vorsingen der aktuellen CD war Schluss, uff.
So
16
Aug
2009
Klaupack-Abana
Was war gestern und heute bloß an der Copacabana los? So voll war es nicht mal während des Karnevals. Wochenende, knallblauer Himmel und Temperaturen um die dreißig Grad lockten nicht nur Massen von Cariocas an die Strände von Rio, sondern auch die Banditen. Gestern wurde wohl ein regelrechter Raubzug unternommen, der auch meine Bermuda samt Portomonnaie zum Opfer gefallen ist. Dieses Klaupack nervt echt. Mit der Brieftasche an den Strand gehen ist natürlich auch zu blöd, aber es war halt ein spontaner Entschluss. War ja auch wunderschön mit Delaine und Giovanna im Liegestuhl sitzen, bis dann plötzlich die Hose weg war. Kann einem in Spanien auch passieren.
Der Klauer ist dann auch gleich mit meiner Kreditkarte in den nächtsen ZONA SUL (Supermarkt) gerannt, um für ca. 50 Euro einzukaufen, was mir die freundliche Mitarbeiterin von American Express mitteilte, als ich meine Karte sperren ließ. Ein Trottel, da hätte er in einer Boutique mehr herausholen können. Er hat sich beim Kauf auch filmen lassen, was Delaine durch einen Anruf beim Supermarkt herausbekam. Die Polizei interessiert sich hier für sowas aber gar nicht. Genausowenig wie die Cariocas, die dichtgedrängt neben uns am Strand gewesen sind, als der Diebstahl geschah. Anteilnahme null.
Trotzdem sind Delaine und ich heute aufs Rad gestiegen und zur Copa gefahren. Trotz besten Wetters war die Atmosphäre alles andere als relaxed. Es war so voll, dass mit den Rädern kaum ein Durchkommen war. An sich kein Problem, aber mein Fahrrad, das durch seine besondere Größe auffällt, wird bei langsamer Fahrt Objekt einer Begierde, die ich mir nicht einbilde und die nicht gerade beruhigend ist. Allgemeine Genervtheit lässt kein Bacardi-Feeling aufkommen. Zuviel Leute auf einem Haufen und zu viel Klaupack darunter.
Egal, gleich fahren wir zu Raphaela zum Churrasco im Jardim Botanico. In der kleinen Nachbarskneipe gegenüber von ihrem Haus braucht man nur das Bier zu bezahlen, das Fleisch gibt es umsonst! Da werde ich bestimmt relaxen, jede Wette!
Mo
03
Aug
2009
Mit dem ARD-Team Rio de Janeiro in Lapa
Samstagabend klingelt das Telefon, mein Freund Thorsten Thielow, der Kameramann des ARD-Teams in Rio de Janeiro ruft an. Wenig später sitzt das Team mit dem Korrespondenten Thomas Aders, dem Tonmann Romenique und der Produzentin Tania Kert auf meinem Balkon. Ich bewundere die nagelneue Sony-HD-Fernsehkamera, die die Hälfte des Platzes auf unserem Esstisch in Anspruch nimmt.
Für den WELTSPIEGEL ist ein Beitrag über junge Pärchen geplant, die mangels eigener Wohnung auf Motels zurückgreifen müssen, wenn sie sich mal richtig nah kommen wollen. Leider sind die ausgesuchten Paare aus den verschiedensten Gründen kurz vor den Dreharbeiten verhindert und meine Frau und ich sind stolz darauf, dass unsere Lieblingscousine Raphaela und Freund Alessandro spontan einspringen.
Eine Stunde später sind wir alle in Lapa, dem Ort in Rio, wo das Nachtleben am Wochenende nur so brodelt und wo zunächst gedreht werden soll. Vor dem RIO SCENARIUM ist eine 500 Meter lange Schlange. Nach kurzen Verhandlungen kommen wir ohne Wartezeit hinein und ich freue mich, dass ich meine Kamera mitnehmen konnte! Eine tolle Nacht und viele Fotos habe ich dem ARD-Team zu verdanken - tausend Dank an Thorsten, Thomas und Tania!!!
Das Neueste vom ARD-Team Rio de Janeiro mit Filmen und Fotos aus Südamerika ist auf FACEBOOK ARD Rio zu bestaunen!
Sa
04
Jul
2009
Jazz
Da ich jetzt Urlaub habe und nicht weiß, wann ich diesen Blog weiterschreiben werde, möchte ich den letzten Blog-Artikel zwar nicht weichspülen, doch ist es mir ein Bedürfnis festzustellen, dass wir uns grundsätzlich sehr wohl hier in Rio fühlen.
Gerade waren wir in dem einen Steinwurf von unserer Wohnung entfernten MODERN SOUND, einem Plattenladen mit intergrierter Jazzbar. Fantastisch!
Den Stressfaktoren Rios stehen ebenso große Erholungskomponenten entgegen. Daran zu erinnern ist ein Gebot der Fairness!
Besos!!!
Do
02
Jul
2009
Albtraum Rio
Was hat mich zu einer so drastischen Überschrift verleitet? Was ist passiert? Ein Wechsel ins andere Klischee? Von den sonnigen Wonnen des Zuckerhuts in die finsteren, gewalttätigen, unberechenbarenbaren Abgründe Rios?
Tatsächlich bin ich immer noch dabei, die Ereignisse des vergangenen Wochenendes zu sortieren. Und ich komme kaum weiter. Fest steht: Rio fühlt sich jetzt etwas anders an, und ein mulmiges Gefühl will nicht mehr aus der Magengegend weichen.
Was ist geschehen?
Auf dem Dach des Hauses meines Schwiegervaters in der Nordzone Rios (Iraja) sind meine Familie und ich unversehens in das Zentrum einer Schießerei geraten. Wir waren gerade am Grillen. Eine Salve in der Nacht leuchtender Kugeln (man kann die Dinger wirklich SEHEN!) flog so dicht an uns vorbei, dass mir noch immer der Atem gefriert, wenn ich mich daran erinnere.
In totaler Panik packten wir unsere kleine Tochter und stürzten zusammen mit der ganzen Familie in das untere Stockwerk.
Dass man Schüsse hört, ist in Rio selbst auch in der verhältnismäßig sehr kleinen pseudosicheren Südzone Rios (Copacabana, Ipanema, Leblon usw.) nichts Ungewöhnliches. Schließlich gibt es angrenzende Favelas mit rivalisierenden Drogenheinzies (Trafikantschies genannt) fast überall. Es ist immer eine Frage der Interpretation: Waren es nun wirklich Schüsse, die man mal wieder gehört hat, oder lediglich nur eines der üblichen Feuerwerke?
Aber auch in der touristisch wenig erschlossenen, im Verhältnis sehr großen Nordzone Rios ist es nicht unbedingt an der Tagesordnung, dass man plötzlich buchstäblich mitten in der absoluten Scheiße sitzt und wie im Irak, hinter Wände in Deckung springen muss, um das Leben zu retten.
Aber genau das war die Situation, in der wir uns urplötzlich befanden.
Es spielten keine Kinder mehr auf der Straße, auch die gelben Plastikstühle mit den biersaufenden Erwachsenen waren verschwunden. Nur ein gespenstischer, gepanzerter Wagen fuhr die Rua Iara entlang...
Nach einer Stunde sind wir dann in mein Auto gestiegen und mit heruntergelassenen Fenstern (die Fenster sind so dunkel getönt, dass man selbst bei gleißendendem Sonnenlicht die Passagiere nicht erkennen kann), damit man sehen konnte, dass wir weder zu den Banditen noch zur Polizei gehörten, bis zur rettenden Schnellstraße (Avenida Brasil) gefahren...
Am nächsten Tag habe ich mir dann auch noch zu allem Überfluß total gringomäßig mein 5 Megapixelhandy klauen lassen, indem ich alle Sicherheitshinweise für Vollidioten, die das erste Mal Rio besuchen, außer Acht ließ und völlig beknackt am Fahrradweg unweit vom Strand von Ipanema die "zwei Brüder" im Gegenlicht fotografieren wollte. Ich habe den Schweinehund, der mit großer Geschwindigkeit auf dem Fahrrad auf mich zufuhr absolut nicht gesehen und nur das Gefühl von DUNKLER, NEGATIVER ENERGIE gespeichert, als dieser Mensch mir mein Handy auf Nimmerwiedersehen aus der Hand riss.
Ein ätzendes Gefühl. Nicht wegen des blöden Handys. Aber ich hatte gerade meine kleine Tochter gefilmt - am Strand - und mich schon gefreut, die neuen Filme auf diese Seite zu stellen.
Hoffentlich hat der Dieb ein ordentlich schlechtes Gewissen, falls er sich - vor dem Löschen aller Dateien - die Zeit zum Sichten meiner Aufnahmen genommen hat!
Fr
26
Jun
2009
Empregada
Heute sind meine Frau und ich mit der U-Bahn ins Centrum gefahren.
Am späten Nachmittag sind die Wagen voll. Die Leute sind müde, die Gesichter sind senfgrau, manche schließen die Augen im Stehen und probieren ein Nickerchen.
Als ein alter Mann zusteigt, will meine Frau ihm ihren Platz anbieten, doch ein junger Mann kommt ihr zuvor, so dass der agile, schlanke und elegant gekleidete Greis plötzlich neben meiner Frau sitzt und sofort ein Gespräch mit ihr beginnt. Ich verstehe nichts, denn mein Stehplatz ist zu weit entfernt und meine Portugiesischkenntnisse reichen nicht zum Verständins von knapp wahrgenommenen Wortfetzen.
Im Centrum angekommen frage ich nach dem Inhalt des Gesprächs.
Der Mann ist auf dem Weg in die Favela Morro de São Carlos. Seine Empregada (Hausangestellte) ist krank und er will ihr Medikamente bringen. Gestern war er bereits da, er war voher noch nie dort. Er berichtet von Schüssen und Elend.
Ohne in Sozialkitsch verfallen zu wollen - schließlich hat der Mann ja auch einen hohen Eigennutz von einer genesenen Empregada - bin ich doch von der Courage und diesem Bild von meiner Frau und dem Greis in der Metro irgendwie beschwingt und wieder einmal froh, in Rio zu sein.
Mi
24
Jun
2009
E-Mail-Schulden
Ich ersticke in E-Mail-Schulden.
Ich habe keine Lust, auf Eure Mails mit kurzen Belanglosigkeiten zu antworten, obwohl es vielleicht besser wäre, als gar keine Zeichen mehr zu senden.
Bald sind Ferien und ich hoffe, wieder in Kontakt mit der zurückgelassenen Welt in Deutschland treten zu können, auch wenn ich nicht nach Old Germany reisen werde.
Ganz kurz: Sehr spannend ist hier das Phänomen Wetter. Seit zwei Tagen haben wir Winter und ich renne tatsächlich den ganzen Tag im Pullover herum. Dabei ist es gar nicht kalt. Sehr merkwürdig. Die alten Rio-Hasen berichten, dass dies in jedem Jahr ihrer Anpassung schlimmer wird: Das Frieren bei 23 Grad!!!
Es liegt doch an der Gegend und NICHT an dir!!!
Fr
12
Jun
2009
Die Eltern passen nicht auf.
Samstag, 12. Juni 2009
In der Nordzone sitzen die Leute heute Abend auf der Straße.
Es wird gefeiert. Überall fließt Skol in Strömen.
Es ist Winter und trotzdem warm.
Die Kinder müssen nicht ins Bett und toben herum. Sie lernen Fahrradfahren oder spielen ganz dicht am Grill. Die Eltern passen nicht auf und trotzdem passiert nix.
