Rio Blog
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Do
17
Mai
2012
Rio dominant
Endlich eine Regenpause. Ich ziehe meine Jacke an, wild entschlossen, wenigstens eine homöopathische Bewegungseinheit in diesen Donnerstagnachmittag einzubauen: Einen Spaziergang! Zu Beginn dieser Einheit noch ein wichtiges dienstliches Telefonat mit einer Mitarbeiterin, als Warming-Up-Phase und auch zur Beruhigung, da sich schnell herausstellt, dass die dienstlichen Dinge so gelaufen sind, wie erhofft. Also los, ohne Sorgen!
Ich erschrecke vor der ersten großen Thermometeranzeige: 22 Grad! Ich habe mir fest vorgenommen, nicht mehr über Wetter nachzudenken. Aber wie kann ich mich so einer intensiven inkongruenten Sinneswahrnehmung verweigern? Ich fühle Winter, verknüpfe aber mit 22 Grad eindeutig Sommer. Schon kann ich mich dem Thema wieder nicht mehr entziehen. Beobachte Einheimische, die wie ich Jacken oder wenigstens Pullover tragen und staune über die Touristen in kurzen Hosen und T-Shirts. Es ist kaum möglich, das Äußere einmal außen zu lassen und sich beim Spazieren auf innere Gedanken einzulassen, die mit Rio oder Wetter nichts zu tun haben. So schön es hier ist, Rio de Janeiro ist dominant und lässt es nicht leicht zu, dass du dich auf etwas anderes konzentrieren kannst, als auf diese eitle Stadt.
Der Wind steht ungünstig heute. Obwohl ich nur zwei Straßenzüge vom Atlantik entfernt bin, kommt mir der Smog unerträglich vor. Ich stehe an der Ampel und gebe das Luftanhalten wieder auf, die Rotphase ist dafür zu lang. Als es endlich grün wird, staune ich auch nach dreieinhalb Jahren hier in Rio immer noch darüber, wie viele Menschen nicht wie ich gleich loshetzen, sondern noch ein bisschen weiterträumen, bevor sie über die Straße gehen. Die Einheimischen träumen und träumen. Manchmal erwische ich mich selbst auch dabei und schiebe es dann gleich auf das Wetter, die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit.
Mit dem grauen Himmel ist die Avenida Atlantica, die sechsspurig die urbane Atlantikküste des Stadtteils Copacabana säumt, nur deshalb von großstädtischer Tristesse zu unterscheiden, weil sich weiter hinten riesige Wellen brechen und so die für Rio typische Dramatik erzeugt wird. Trotzdem erinnern mich die Strandkioske heute entfernt an Autobahnraststätten. Strammen Schrittes lasse ich die Strandkioske an mir vorbeiziehen. Obwohl mir langsam warm wird, behalte ich die Jacke trotzig an. Es ist Winter, basta. Die Strandverkäufer mit ihren Rio-Nummernschildern, Mützen und Rio-Regenschirmen kenne ich alle vom Sehen. Sie hätten heute zu Hause bleiben können. In Leme angekommen bekomme ich Durst und will mir eine Kokosnuss kaufen. Im Portomonnaie ist aber nur ein 50 Reais Schein und die Frage nach Wechselgeld hätte ich nun wirklich nicht stellen müssen. Jedenfalls nicht zweimal, das war nicht nötig! Am dritten Kiosk frage ich deshalb nur nach Wasser, das etwas billiger, aber mit 3 Reais immer noch ganz schön teuer zu sein scheint. Der Verkäufer akzeptiert die 2 Reais 30 Cent, die ich ihm anbiete, mehr habe ich nicht klein. Ich nehme zwei Schlucke und schlage den Rückweg ein.
Mein Telefon klingelt, es ist meine Tochter Isabell. Sie ruft aus Deutschland an, die Weiterleitungsfunktion von Skype macht solche Verbindungen möglich. Selbst während des Gespäches bleibe ich aber mental in Rio, sehe Isa hier neben mir und kann mir Deutschland weiter nicht vorstellen. Isa erinnert mich daran, dass heute in Deutschland Vatertag ist. Sie rät mir, Rio zu genießen und berichtet von ihrem starken Heimweh nach Brasilien. Wieder Rio! Die Verbindung reißt ab.
Ich wechsele die Straßenseite und gehe am Copacabana-Palace vorbei. Wenig später kommen mir zwei brötchenessende Straßenkinder entgegen. Habe schon lange keine mehr hier gesehen. "Oi tio, pode tomar um pouco de sua água?" Meine Wasserflasche wechselt die Besitzer.
Am Ende meines Spazierganges habe ich noch einen Auftrag zu erledigen: Einkaufen. Der Supermarkt ist hell, freundlich - vielleicht etwas eng. Erinnert an Edeka und heißt hier Pão de Açúcar (Zuckerhut, genaugenommen Zuckerbrötchen). Ich sehe auf dem großen Kassendisplay, dass ich 11 Produkte ausgewählt habe. Der ebenfalls angezeigte Endpreis sprengt meine Vorstellungskraft und findet in keinem meiner Koordinatensysteme eine Zuordnung zu dem von mir gefühlten Wert der erworbenen Waren. Ich bezahle mit Kreditkarte und versuche zu verdrängen. Der Kassierer (sonst sind es immer Kassiererinnen) packt die Waren gleich ein. In hauchdünne kleine Plastiksäckchen (Es gibt in Rio keine richtigen Plastiktüten, nur diesen Hauch von Plastik überall. Für jeden etwas schwereren Artikel, z. B. einen Tetrapak Milch, benötigt man mindestens zwei übereinander gestülpte Säckchen, was heißt, dass solche Artikel doppelt eingepackt werden müssen. Der Kassier- und Einpackvorgang dauert deshalb erheblich länger, als in Deutschland).
Inzwischen ist es dunkel geworden. Die Bürgersteige sind von Menschen überfüllt, ohne die Mitnutzung der Fahrbahn ist ein Fortkommen nicht möglich. Die meist dreispurigen Einbahnstraßen sind aber schon mit Autos verstopft, die auf Fußgänger KEINE Rücksicht nehmen. Es gibt keinen Platz! Mit meinen sechs übereinander gestülpten Einkaufssäckchen samt elf Artikeln bahne ich mir einen Weg durch die Massen. Es ist gedrängemäßig so, wie auf einem Rockkonzert. Jetzt kann man nicht mehr träumen. Konzentration ist gefordert, sonst wird man herbe angerempelt oder WIRKLICH überfahren!
Das ist Rio. Jedenfalls der Stadtteil Copacabana. Ich lebe hier und bin oft genervt. Aber eines weiß ich trotzdem schon jetzt: Ich werde das alles einmal wahnsinnig vermissen, genauso, wie viele meiner Freunde es tun, die aus Rio nach Deutschland zurückgekehrt sind.
Rios Dominanz kann sich kaum jemand entziehen. Sie ist natürlich, aber auf Dauer auch nervig.
Mo
14
Mai
2012
Crosby, Stills and Nash in Rio de Janeiro
David Crosby
Stephen Stills
Graham Nash
In der Pause - ja es gab eine Pause und ich fand es gut - stand wenige Meter von mir entfernt auf der Männertoilette ein alter Mann mit weißen Haaren, der beim Pinkeln in sein Handy mit heiserer, laut flüsternder Stimme krächzte: "Estou no show de Crosby! Está a espectáculo!" Frei übersetzt: "Ich bin bei Crosby, Stills and Nash. Es ist der Hammer!" Ein allgemeines Schmunzeln durchfuhr die anderen Männer, die neben ihm und mir pinkelten.
Recht hatte der Mann! Wir (Delaine, Uwe und ich) saßen in der dritten Reihe und genossen einen Bombensound und den direkten Blick auf die warm eingeleuchtete Bühne, wo die drei Woodstockveteranen David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash gemeinsam mit fünf weiteren hochkarätigen Musikern zeigten, dass sie nichts verlernt haben. Ein Hochgenuß!
Entdeckt hatte ich Crosby, Stills und Nash zusammen mit meiner Tochter Lena, mit der ich vor knapp 10 Jahren im IMEX-Kino in Kopenhagen einen Film über Korallen gesehen hatte. Der Film war ganz schön, aber die Musik im Hintergrund war von Crosby, Stills und Nash und gefiel uns total gut. Am gleichen Tag kaufte ich die CD in einem Second-Hand-Plattenladen und die Musik der Platte "Déjà vu" wurde zum Soundtrack eines verregneten Sommerurlaubs auf Sjælland.
Die "Cittibank-Musichall" befindet sich im Untergeschoss des "Via Parque", eines der zahlreichen großen Shopping-Center im Stadtteil Barra da Tijuca. Momentan regnet es in Rio ohne Pause und Shopping-Center sind eine Möglichkeit, der Wohnung trotzdem zu entkommen. Ungläubig musterte ich die große Anzeigetafel auf dem Parkplatz des "Via Parque" vorvorgestern (am 12. Mai): heute "Roxette" (würg!) und morgen schon Crosby, Stills and Nash (yeah!).
Eine Nacht musste ich dann doch über die Höhe der Eintrittskarte (370 Reais - die Umrechnung erspare ich mir lieber!) schlafen, dann sprach mir mein Freund Uwe, der in meinem Umkreis der Einzige war, der von der Band überhaupt schon gehört hatte, Mut zu. So fuhr ich gestern früh wieder los, um Karten zu besorgen. Bis zum Schluss befürchtete ich, dass wir abends gar nicht zur Show kommen würden, da ich kein Amphibienfahrzeug habe und die Straßen an manchen Stellen so überflutet waren, dass mein Auto auf der Rückfahrt vom Kartenkauf einmal fast abgesoffen war.
Ok, mit dem Ehrenkodex des Rock'n Roll lassen sich überteuerte Eintrittskarten und Sitzplätze vor der Bühne nicht unbedingt in Einklang bringen. Aber die alten Kerle haben über 3 Stunden lang wirklich Gas gegeben und mich tief beeindruckt! Rock mit einem überaus harmonischen Grundklang von Gelassenheit (besonders bei dem buddhahaft relaxten David Crosby) gefällt mir sehr!
Vielleicht vermittelt meine überbelichtete Handyvideoaufnahme des Songs "Our House" einen falschen Eindruck der gestrigen Show. Die meisten Stücke waren dynamischer und schneller, aber die Reaktion der Zuschauer (es waren doch 2000) bei dem wohl bekanntesten Stück am Ende einer langen Show fand ich sehr interessant! Auch die Aufnahme von "As I Come Of Age" ist wesentlich langsamer, als die meisten Stücke, die gestern gespielt wurden.
15. Mai 2012: Noch eine kleine Zugabe:
Mo
23
Apr
2012
Der Wolkenbruch
0 KommentareSo
01
Jan
2011
Feuerwerk im Regen
0 KommentareSa
31
Dez
2011
31.12.2011: Die Copacabana freut sich auf Silvester!
1 KommentareDo
22
Dez
2011
24 Stunden im Dezember
Vier Stunden Abschied, vier Stunden Stau, vier Stunden DETRAN (KFZ-Zulassungsstelle) und noch mehr... 24 Stunden im Dezember. Momentaufnahmen zweier Urlaubstage. Aufgenommen mit dem Telefon.
So
11
Dez
2011
Weihnachtsbaum auf der Lagune (Árvore de Natal da Lagoa)
Dass meine Weihnachtsstimmung in Rio größer ist, als in Deutschland, hat sich ja schon 2009 (siehe meinen Blog von damals) angedeutet. In Deutschland zählte ich dagegen in den zurückliegenden Jahren eher zu der Gruppe von Menschen, die sich von dem Fest bedrängt und genötigt fühlte, wenn Ende September die Weihnachtsmänner in die Supermarktregale zurückkehrten. Hier in Rio ist das anders. Ich stelle schon Ende November unseren Plastikbaum wieder auf, hänge jede Menge Lichterketten in ihn hinein und höre mit meiner vierjährigen Tochter deutsche und brasilianische Weihnachtsmusik.
Was ich aber immer stärker vermisse, sind die schönen Weihnachtsmärkte mit den Glühweinständen in Deutschland. Da ist dann auch der Weihnachtsbaum auf der "Lagoa" nur ein schwacher, aber ein sehr schöner Trost. Jedes Jahr größer und schöner erstrahlt er in der großen Stadt-Lagune Rios: der "Lagoa Rodrigo de Freitas."
Besonders samstagabends pilgern viele Cariocas und Touristen dorthin. In diesem Jahr rücken allabendlich aber auch die Geschwader der Abschleppwagen aus, um die falsch parkenden Fahrzeuge getreu dem neuen Grundsatz der Stadtverwaltung Rios "Choque de Ordem" sofort zu entfernen.
Die Stimmung an der Lagune ist wunderschön. Es wird fotografiert was das Zeug hält und Ausrufe der Bewunderung, wenn sich die Illumination des Stahlbaumes verändert, sind in vielen Sprachen zu vernehmen. Die erste Inbetriebnahme des Baumes wird sogar live im Fernsehen übertragen: http://g1.globo.com/rio-de-janeiro/noticia/2011/11/arvore-de-natal-da-lagoa-e-inaugurada-no-rio.html
Fr
14
Okt
2011
Brigitte Bardot
Brigitte Bardot
ist
für einen seltenen Moment
einsam
im Regen von Búzios
und wirkt kleiner
als zuvor.
Ich bin auf
dem Rückweg
zur Pousada,
war ganz allein
am Strand.
Der Regen
tropft
an dir vorbei -
du wirst nicht nass,
und für
Melancholie
ist es zu
lauwarm.
Sa
01
Okt
2011
Rock in Rio 2011
Morgen ist der letzte Tag von ROCK IN RIO 2011. Die Liste der Stars, die seit gut einer Woche weit draußen in der CIDADE DO ROCK, noch weit hinter der Barra auftreten, ist lang und von absoluter Weltklasse! Ganz Rio de Janeiro ist im Rock-Fieber. Im Fernsehen werden alle Konzerte live übertragen.
Vergangenen Sonntag war ich das erste Mal dort. Es war der Heavy-Metal-Tag, ein Freund hatte Karten besorgt (am schwierigsten war es, Bustickets für die lange Anreise zu ergattern) und mich eingeladen, zusammen mit seinen Freunden einen abzurocken. Es wurde ein Marathon! Ich sah unter anderem Sepultura, Motörhead und Metallica und erlebte eine fantastische Nacht mit enorm guter Stimmung.
Näher an meinem eigene Musikgeschmack waren die Bands, die am Donnerstag auftraten, als ich mit meiner Frau zum zweiten Besuch der CIDADE DO ROCK zweieinhalb Stunden durch die Rush-Hour Rios aufgebrochen war. Joss Stone, Jamiroquai und Steve Wonder verzauberten die Cariocas. Völlig begeistert war ich von der Show der amerikanischen Soul- und Funksängerin Janelle Monáe, von der ich zuvor noch nicht gehört hatte.
Heute bleiben wir zu Hause und erholen uns. Coldplay, die heute nacht auftreten werden, sehen wir uns auf der Couch vor dem Fernseher an.
Sa
24
Sep
2011
Blaue Giraffe
Mein Freund Frank
hat meinem Fahrrad
den Namen "Giraffe" gegeben,
weil es so überdimensioniert ist.
Zum Dank dafür,
dass ich es ihm
während seines letzten Rio-Urlaubs geliehen hatte,
stattete er es mit einer Hupe aus,
die jetzt am Lenkrad prangt und aussieht,
wie ein Blaulicht.
Gerade eben hätte ich sie besser benutzt,
stattdessen träumte ich.
War fasziniert von den Kite-Surfern,
die im dunkelgrauen Himmel Ipanemas
den Wind in eigene Energie umwandeln,
genau wie es mein Freund Günter in Flensburg tut.
War noch geflashed von dem Kreischen der Fans,
die in großer Zahl
vorm Hotel Fasano wartend
wahrscheinlich einem Red Hot Chili Pepper
oder gar Rihanna begegnet waren.
Habe meine Tochter beneidet,
die eine Karte für die heutige zweite Nacht bekommen hat,
in der Rock in Rio mit den Red Hot Chili Peppers
bestimmt Musikgeschichte schreiben wird.
Mich daran erinnert,
wie ich gestern auf dem Sofa
gleichzeitig im Fernsehen
Rock in Rio live
und auf dem Iphone
die Tagesschau
mit einem Bericht
über den Papstbesuch
in Deutschland sah.
Darüber nach gesonnen,
dass unser Portier Lindolf
gerade mein Auto wusch,
als ich die blaue Giraffe
für diesen Ausritt sattelte.
Mich gefragt, wie mir diese Szene vorkommen mag,
wenn ich mich irgendwann zurück
in Deutschland
daran erinnern werde.
Da war plötzlich
dieses kleine Mädchen mit langen Haaren
aus dem Pulk ihrer Großfamilie herausgerissen
auf dem Fahrradweg
am Ende von Leblon.
Die Vorderbremse gewann
so stark
gegen die Hinterbremse,
dass sich die Giraffe
hinten auf bäumte
und mich abwarf,
wie ein bockiges Rindvieh.
Zum Glück hatte
Gott
vollstes Verständnis
für die gesamte Situation
und ließ alles in Zeitlupe ablaufen.
Ich sah das Mädchen,
das trotz ihres Schreckens
meinen Sturz
mindestens mental
zu verhindern versuchte,
und so blieb ich
ganz und gar
unverletzt.
Der große Bruder
stellte die Giraffe wieder auf,
die Mutter war froh,
dass eine Klärung der Schuldfrage
absolut bedeutungslos war,
die kleine Schwester
guckte mir
noch lange hinterher.
Ich war euphorisch vor Freude,
dass das Fahrrad
rechtzeitig zum Bocken
gekommen war.
Ich war
plötzlich
wieder ich.
Der Rückenwind
ließ mich weiter träumen,
und als ich
auf dem ganz neuen
und pechschwarzen Asphalt
der Rua Figueiredo Magalhães
schon fast
wieder zu Hause war,
konnte ich
die Dominanz
die mein Wohnort
auf mein gesamtes Leben hat
und die mich manchmal stört
für heute akzeptieren.
Do
16
Jun
2011
Ausstellung in Flensburg
Meine Mutter lässt sich manchmal in ihrer Malerei von meinen Fotos inspirieren oder nimmt diese sogar als Vorlage. Besonders liebt sie meine Fotos aus Brasilien, da sie dieses Land auch schon mehrfach bereist hat und von Land, Leuten und natürlich den Farben begeistert ist.
Bald kann man viele ihrer Bilder in Flensburg sehen! Vom 2. Juli bis 15. August 2011 läuft ihre Ausstellung (Hiltraud Kühn: Brasilien und andere Sehnsüchte) in nordernArt, Norderstraße 38 in Flensburg. Geöffnet ist von Mo - Fr 10-18 Uhr, Sa 10-13 Uhr.
Wer schon vorher einen Blick auf ihre Arbeiten werfen will, kann auf ihrer Website einen Eindruck gewinnen.
Mo
11
Apr
2011
Kino in Rio
Gestern war Giovanna zum ersten Mal im Kino. Ihr gefiel der Film sehr gut und es war für sie ganz normal, dass die Stadt, in der sie aufwächst, eine große Rolle darin spielte.
Der Hype um Rio de Janeiro geht in die nächste Runde: Nach der der WM-Zusage und der Freude auf die Olympiade 2016 nun also der Film.
Ob es den Machern der Animationshits "Iceage" nach drei Teilen zu kalt geworden war, dass sie sich ein heißeres Sujet gewählt haben? Oder steckt cleveres Sponsoring dahinter? Enstanden ist auf jeden Fall ein imposantes Animationsspektakel mit großer Werbewirksamkeit für eine Stadt, die in Europa nicht zuletzt für Straßenkinder und Slums bekannt ist. Rio will mit diesem Image brechen.
Einem meiner Schüler war aber immer noch zu viel Favela in dem Film, der ihm ansonsten schon gefallen hatte. Ein Sturm der Entrüstung im Klassenzimmer war die Folge. Der Film sei so toll und in Rio gäbe es ja schließlich auch Favelas war der Tenor der Filmkritik in der montaglichen Gesprächsrunde meiner vierten Klasse. Der Film kommt bei den Kindern aus Rio super an.
Mir hat er auch gefallen. Der Film ist nicht perfekt, hat Längen und kommt überhaupt nicht an Animationsklassiker wie "Dschungelbuch" oder auch "Ratatouille" heran. Aber nach all den schlechten Nachrichten aus dieser Stadt hat mir der Film gut getan. Es steckt nämlich schon eine gewisse Dosis des Gefühls darin, das viele Menschen die Rio kennen, mit dieser Stadt verbindet. Da wird bei dem einen oder anderen Rioträumer in der Ferne manche Träne der Sehnsucht und des Heimwehs fließen, da bin ich mir sicher.
Billig ist Kino übrigens auch in Rio nicht: 60 Reais für zwei Erwachsene und ein Kind kostet der Spaß hier.
So
20
Mär
2011
Obama in Rio
Ich habe ihn nicht gesehen. Wahrscheinlich, weil ich im falschen Moment an meiner Kamera rumgefummelt habe. Meine Frau hat ihn gesehen und ist nachhaltig geflashed...
Unser neuer Nachbar Barack Obama, er wohnt heute knapp anderthalb Kilometer von uns entfernt an der Copacabana im Hotel Marriott, begeistert die Cariocas. Im Theatro Municipal hat er sehr warme Worte gefunden und den Brasilianern eine gleichberechtigte Partnerschaft angeboten.
Vor diesem Ereignis haben wir, meine Frau und ich, in einem verhältnismäßig kleinem Pulk von Leuten und Journalisten vor seinem Hotel an der Copacabana ausgeharrt. Schon beeindruckend, was vor so einem Hotel bei einem Besuch des US-Präsidenten alles passiert. Zeitweise hatte ich das Gefühl, bei den Dreharbeiten der neuen Staffel von "24" dabei zu sein. Nur Jack Bauer ist nicht aufgetaucht. Guckt Euch einfach die Bilder in der Galerie an. Oder mein kleines Youtube-Video.
Mo
21
Feb
2011
Tipp der Woche: Brasilien-Fußball-Serie auf sportschau.de
Als der Sportjournalist Olaf Jansen vor vier Wochen in Rio de Janeiro war, besuchte er auch uns. Ilidio war happy, als Anschauungsobjekt für brasilianischen Fußball herhalten zu dürfen und es hat uns großen Spaß gemacht, ein ganz kleines bisschen an Background-Informationen beizutragen, die Olaf Jansen für seine Fußballreportage aus Rio benötigte. Diese Serie ist heute gestartet und daher meine große Empfehlung:
Teil 3 (über Ilidio):
http://www.sportschau.de/sp/fussball/news201102/23/brasilien_talent.jsp
Teil 4:
http://www.sportschau.de/sp/fussball/news201102/24/brasilien_fussballklubs.jsp
Teil 1:
http://www.sportschau.de/sp/fussball/news201102/21/wm_vorbereitungen_brasilien.jsp
Teil 2:
http://www.sportschau.de/sp/fussball/news201102/22/bg_fussball_in_brasilien.jsp#mbContent
Sa
08
Jan
2011
Fußballfieber 2011
Nachdem ich 2010 ein neues Verhältnis zum Fußball bekommen habe, als ich beim FIFA-FAN-FEST am Strand der Copacabana vom WM-Virus gepackt wurde, fängt auch das neue Jahr sehr ballstark an.
Schon zum vierten Mal hat sich die Familie gestern vor dem Bildschirm versammelt.
Grund ist die Fernseh-Übertragung des Copa São Paulo de Futebol Júnior - die Junior-Fußballmeisterschaft in Brasilien.
Seit wir hier in Rio leben, begleiten wir die Fußballambitionen meines Schwagers Ilidio. Oft war ich mit der Kamera bei seinen Spielen dabei (www.ilidio.jimdo.com). Jetzt sehen wir ihm live im Fernsehen zu. In Rio scheint alles möglich!
Hier ist ein kurzer Ausschnitt aus dem brasilianischen Fernsehen:
Fr
31
Dez
2010
Warten auf Silvester
Feuerwerksschiffe vorm Strand der Copacabana
In unserem Stadtteil Copacabana herrscht der Ausnahmezustand. Die Straßen sind so bevölkert, dass es sogar meiner Frau beim morgendlichen Spaziergang (mit Kinderwagen!) zuviel wurde. Parkplätze in unserer Straße, normaler Weise kostenlos, sind heute 50 Reais (ca. 20 Euro) wert, wie wir gerade vom Balkon aus mitbekommen haben. Alles ist voll. Letzte Einkäufe in irgendeinem Supermarkt? Unmöglich, es sei denn, man nimmt fürs Einkaufen mehrere Stunden im Gedränge in Kauf. Hotels sind schon seit Wochen ausgebucht, trotz wahnwitziger Preise. Ob sich das lohnt?
Ich hoffe es für die vielen Menschen, die Anreise, Kosten und Menschenmassen nicht scheuen. Gerade jetzt (17.20 Uhr) fängt es an zu regnen...
Ein paar Fotos, die ich vorhin gemacht habe, zeigen die Menschen am Strand, die auf Silvester warten. Das Feuerwerk wird von den Schiffen am Strand der Copacabana gestartet.
Wenn es so wird, wie in den vergangenen zwei Jahren, in denen wir in Rio Silvester feiern durften, dann wird es sich lohnen! Spätestens wenn das Feuerwerk die Millionen ganz in Weiß gekleideter Menschen am Strand beleuchtet, dann ist er da, der Moment der speziellen Silvestermagie, die es nur in Rio gibt. Hoffentlich hört es rechtzeitig auf zu regnen. Im vergangenen Jahr hat es geklappt.
Mi
13
Okt
2010
Jazz in der "Favela"
Vergangenen Samstag sah ich im Abendjournal von Globo einen Bericht über ein Jazz-Festival in der Favela Santa Marta, welches in wenigen Minuten beginnen sollte. Die Santa Marta (auch Dona Marta genannt) ist seit knapp zwei Jahren von Polizeitruppen besetzt und gilt als sicher. Es gibt eine Bahn, die Einwohner und inzwischen auch eine große Zahl von Touristen (nicht selten auch Politiker) den Berg hinauf bringt. Die Santa Marta liegt in unmittelbarer Nachbarschaft der Escola Alemã Corcovado - meinem Arbeitsplatz.
Manche Dinge brauchen in Rio unwahrscheinlich viel Zeit (Einkaufen, Bankgeschäfte usw.). Umso mehr bin ich immer dann erstaunt, wenn hier etwas ganz schnell geht. Ungefähr fünfzehn Minuten nach unserem spontanen Entschluss, das Jazzfestival zu besuchen, waren meine Frau und ich bereits am Ort des Geschehens. Ein freundlicher Taxifahrer hat uns direkt den Berg hinaufgefahren. Vorbei an den Polizeiwagen (das Blaulicht ist immer eingeschaltet) und den schwerbewaffneten Polizisten, die am Eingang der Favela stationiert sind und uns die Auffahrt gestattet hatten.
Man fährt die engen Kopfsteinserpentinen hinauf und erinnert sich sofort an das Nachtleben der Nordzone Rios. Überall laute Musik, Erwachsene und Kinder auf roten oder blauen Plastikstühlen, der Duft und der Dampf zahlreicher am Straßenrand aufgebauter Grills.
Ob er, der Taxifahrer, schon einmal hier gewesen ist? Ja, aber als Polizist einige Jahre zuvor. Graças a Deus - Gott sei Dank - haben sich die Zeiten geändert. Er arbeitet nach wie vor als Polizist, aber nachts im Taxi verdient er das dreifache seines Polizistengehaltes.
Wir stehen vor einer kleinen Bühne der Stadverwaltung Rios. Um uns ungefähr hundert Menschen, die auf den Anfang des Konzerts warten. Die meisten offenbar nicht zum ersten Mal hier. Es gibt viel Presse, Fotografen und Kameramänner. Sofort bekommen wir zwei blaue Plastikstühle angeboten und eine große blaue Bierdose von Antarctica. Die Atmosphäre ist toll. Die erste Band ist eine Schülergruppe, die gekonnt Klassiker des Samba spielt. Nach einer zweiten Band, ich kann die Musikrichtung (Chorinho?) nicht richtig einordnen, ist ziemlich schnell Schluss. Der Kioskbesitzer bringt mich auf das Dach seines Hauses, damit ich von dort besser fotografieren kann.
Bis Mitte November soll es jeden Samstag ein "Jazzfestival" in der Santa Marta geben. Wir gehen bestimmt noch einmal hin!
Sa
02
Okt
2010
Wahlen in Brasilien
Morgen finden in ganz Brasilien Wahlen statt. Es geht nicht nur darum, wer neue Präsidentin oder neuer Präsident des Riesenlandes wird, sondern auch alle Gouverneure der Bundesländer stehen zur Wahl.
Insgesamt müssen die Brasilianer morgen sechs verschiedene Personen (Präsident, Gouverneur, zwei Senatoren und zwei Abgeordnete) mittels Touchscreen an den modernen Wahlcomputern wählen.
Am Wahlkampf kommt in Rio de Janeiro niemand vorbei. Während der besten Sendezeit gibt es auf allen führenden Kanälen feste Werbeblöcke. Nur selten sind dort längere Videos mit politischen Aussagen zu sehen. Meistens sieht man stattdessen in eines von zahllosen Gesichtern, das nur schnell erzählt, dass man es wählen soll. Vielleicht noch in einem kurzen Nebensatz, mit wem man verbündet ist. Ansonsten Gesicht, Name und Nummer.
Seit Wochen stehen auch überall Wahlplakate herum. Meist nach demselben Muster: Gesicht, Name und Nummer. Ganz selten ein politisches Versprechen oder ein Slogan. Mir kommt es so vor, als ob die Politiker hier an Stelle von argumentativer Überzeugungskraft auf eine möglichst große Zahl von Werbefahrradfahrern und Fahnenschwenkern setzen.
Eine Sache ist am Tag vor der Wahl schon sicher: Die Wahlbeteiligung wird gewaltig sein. In Brasilien gibt es die Wahlpflicht!
Di
24
Aug
2010
Fliegen und so weiter
Für die Einwohner ungewöhnlich: Pulloverwetter in Rio
Was ich über die Wärme Rios in meinem Blog geschrieben habe, muss teilweise revidiert werden. Es wird doch kalt hier. Anscheinend nicht in jedem Jahr, aber in diesem auf jeden Fall. Schon seit Wochen benutze ich Pullover und leichte Jacken und habe sogar bereits einmal die AR QUENTE, die Heizung in meinem Auto ausprobiert.
Persönlich habe ich das Gefühl bzw. die Illusion eines globalen Sommers, der momentan etwas schwächelt. Das Wetter war in Flensburg dem in Rio im Juli zum Verwechseln ähnlich und wieder zurück in Brasilien ist es eben pulloverkalt. Zusammen mit den verfärbten Blättern an den Bäumen und auf den Straßen ist mein Jahreszeitensensor davon überzeugt, dass der Herbst unmittelbar bevorsteht und damit verbunden kurze Tage und lange Nächte. Bin ich überhaupt in Rio? Im Fernsehen läuft Hamburg gegen Schalke in HD, nur der brasiliansiche Kommentator erinnert daran, dass ich weit weg bin, während aber mein ganzer Körper doch im Heimatmodus läuft.
Nach der Landung in São Paulo
Diese schnelle Switchen zwischen Kontinenten kann verwirren. Fliegen ist schon ein Wunder, oder? Ich habe es gerade ziemlich satt und bin froh, dass vorerst kein neuer Flug geplant ist. Zwar finde ich die Flughafenatmosphäre spannend. Ich mag diese künstlichen, polierten Orte mit dem Flair der weiten Welt und unbegrenzten Reisemöglichkeiten. "Terminal" von Steven Spielberg ist einer meiner Lieblingsfilme. Als Sitzriese fühle ich mich aber spätestens im Flugzeug bestenfalls wie Stückgut. Auch die Demütigung, die jeder, der sich wie ich nur Holzklasse leisten kann, erlebt, wenn er durch die 1. Klasse vorbei an mitleidsvoll blickenden Passagieren in ihren ausladenen Schlafsitzen drängt bis er an seinem Platz auf einer Dreierbank ankommt, ist ätzend. Gibt es in der zivilisierten Welt eine krassere, offenere Trennung zwischen Mittel- und Oberschicht? In der Holzklasse verpufft der Flair des Fliegens wie im Flug.
Letzte Woche war ich dienstlich in São Paulo. Alle sieben Minuten fliegt ein Jet von Rio nach São Paulo und umgekehrt. Mit großen Linienflugzeugen auf großen Flughäfen starten und landen ist eine Sache, der kleine Cityflughafen Santos Dumont in Rio de Janeiro eine andere. Die Landebahn grenzt direkt an die Guanabarabucht und ist ziemlich kurz. Das Flugzeug startet - so kam es mir vor - nach kurzer sehr heftiger Beschleunigung direkt aus dem Stand und zieht steil hoch. Die Landung in São Paulo (nach nur 47 Minuten Flugzeit) ist atemberaubend. Das Flugzeug fliegt im Tiefflug über die Stadt, so tief, dass man die Automarken der Wagen auf den Straßen zu erkennen glaubt. Es dauert ewig, bis inmitten der vielen Gebäude wie durch ein Wunder eine Landebahn erscheint.
Mein Rückflug am selben Tag hatte erhebliche Verspätung. Warum? Ein kleines Flugzeug, ein sogenanntes Flugtaxi, hatte wenig später, nachdem ich von dort heil weggekommen war offenbar Schwierigkeiten mit der kurzen Start- und Landebahn in Santos Dumont und war direkt in der Verlängerung derselben in die Bucht gerutscht. Zum Glück überlebten alle Passagiere, aber der Flughafen war für 5 Stunden gesperrt.
In São Paulo gab es deswegen einen richtigen Stau von Flugzeugen auf der Start- und Landebahn. Kaum war ein Flugzeug gelandet, startete das nächste aus der Warteschlange. Diejenigen von Euch, die täglich oder wöchentlich von Rio nach São Paulo fliegen, mögen angesichts meiner Schilderungen gelangweilt oder müde lächeln, aber ich kann mich nicht daran erinnern, etwas Vergleichbares in meinem Leben gesehen zu haben, wie das riesengroße São Paulo bei Nacht aus der Perspektive eines 15minütigen Tiefluges.
War das Starten von Santos Dumont schon eine Sache für sich, kann ich die Landung dort nur als harte Nervenprobe für hartgesottene Vielflieger bezeichnen. Die Maschine fliegt über den Stadtteil Flamengo so tief und vor allem LANGSAM, dass es unfaßbar zu sein scheint, dass die Flügel nicht die Blumenkästen von den Balkonen der Wolkenkratzer reißen. Vom Wasser aus betrachtet wirkt das ganze weniger dramatisch, wie man auf meiner Fotomontage hier sehen kann: Es ist die letzte Phase des Landeanfluges auf Santos Dumont zu sehen (in Wirklichkeit handelt es sich natürlich nur um ein Flugzeug, so eng ist der Luftraum über Rio dann auch nicht), die ich im vergangenen Jahr von einem Segelboot aus aufgenommen hatte.
Über São Paulo selbst kann ich nur wenig schreiben. Zu kurz war mein Aufenthalt dort. Vielleicht gibt die Auswertung dreier Taxifahrten einen klitzekleinen Aufschluss.
Die erste Fahrt vom Flughafen in São Paulo zum Colégio Humboldt, wo eine Tagung stattfand, war vom Mitleid eines sehr freundlichen Chauffeurs begleitet. Ich tat ihm leid, da ich aus dem schrecklichen Rio de Janeiro kam und dort sogar wohnen musste. Rio sei wahnsinngig gefährlich, er wäre einmal dort gewesen, aber es habe ihm überhaupt nicht gefallen, außerdem könnte man dort weder ordentlich arbeiten noch Geld verdienen.
Video Fahrt 1:
Die zweite Fahrt: Der junge Fahrer, der mich vom Colégio zurück zum Flughafen brachte, gab schon nach den ersten Metern der Fahrt zu, dass es sein größter Traum sei, einmal in Rio de Janeiro leben zu können. Obwohl er von einem kürzlich erfolgtem Überfall durch einen Motorradfahrer auf sein Taxi berichtete (ihm wurde das Portemonnaie abgenommen), war auch er davon überzeugt, dass Rio wesentlich gefährlicher wäre, als São Paulo. Ich erzählte ihm von den Sorgen meiner Frau, die große Angst hatte, weil ich allein in dem aus ihrer Sicht weit gefährlicheren São Paulo unterwegs war.
Video Fahrt 2:
Einen Wutanfall bekam der Fahrer der dritten Fahrt, nachdem ich ihm von der Verunglimpfung Rios durch den ersten Fahrer in São Paulo berichtet hatte. Er schrie schon fast: "Sie mal, Chef (so redete er mich wirklich an), guck mal links aus dem Fenster (wir passierten gerade den nächtlich beleuchteten Praia von Botafogo, im Hintergrund der Zuckerhut), das ist RIO DE JANEIROOOO. Guck, wie schön es hier ist! In São Paulo haben sie gar nichts, nur Gebäude und Gebäude." Er selbst war schon einmal in Florianopolis und könne zugeben, dass es dort noch schöner sei, als in Rio. Die Paulister könnten das nicht und würden sich deshalb immer den Mund über Rio zerreißen. Ich gab ein ordentliches Trinkgeld und wir gingen als Freunde auseinander.
Sa
24
Jul
2010
Für 15 Tage zurück in Deutschland
Nach anderthalb Wochen in meiner alten Heimat Flensburg bin ich um einige Erkenntnisse reicher.
1. Filet vom Sommer
Vergangenes Jahr um diese Zeit waren wir in Bahia (Brasilien). Es war sehr sommerlich und die Landschaft nicht selten von traumhafter Schönheit. Aber: Es war um halb sechs dunkel. Das ist hier in meiner fast-skandinavischen Heimatstadt Flensburg anders. Es bleibt hell. Selbst wenn die Sonne um kurz vor 22.00 Uhr untergegangen ist, bleibt es noch lange hell bzw. es wird gar nicht richtig dunkel. Das finde ich herrlich und ich muss zugeben: Es hat mir in Brasilien gefehlt. Wenn die Dämmerung ewig zu dauern scheint und meine kleine Tochter am Strand in einer Sonne spielt, die keine Haut mehr verbrennt. Sie als Silhouette vor dem Sonnenuntergang und ich mit einem kalten Glas Riesling in der Hand, das ist unschlagbar. Der ständige Sommer in Rio ist toll, aber das Filet Mignon, das Gelee Royal des Sommers ist hier in Europas Norden zu finden.
2. Die Menschen sind freundlich
Habe ich hier schon mit so manchem Klischee abgerechnet, dass Deutsche gegenüber Brasilianern pflegen, muss ich heute einmal eine Lanze für die Norddeutschen brechen. Wo wir auch hinkommen, treffen wir auf offene und kommunikationsfreudige Menschen, die sich für uns interessieren. Vielleicht liegt die gute Laune ja an diesem Traumsommer, aber dass die Deutschen fechado (verschlossen) sind, stimmt nicht. Sie haben Humor, sind offen und neugierig.
3. Es ist alles ganz leise
Wie kann es sein, dass es hier so viel leiser ist? Wenn keiner was sagt, was vorkommt, hört man keinen Ton. Aber auch sonst, mit Autolärm, Meeresrauschen oder Möwengeschrei bleibt es wesentlich leiser, als in Rio. Hier kann ich sogar die Lautsprecher meines megaleisen Notebooks hören. Es muss dafür eine andere Erklärung geben, als dass es in Rio mehr Autos als in Flensburg gibt.
4. Autofahren
Wir haben einen sehr hässlichen Mietwagen, einen Opel Merivan, der aber klasse fährt. Er hat 105 PS und es ist eine Freude, die norddeutschen Landstra゚en damit zu befahren. Darauf hatte ich mich auch gefreut: STRASSE, STRASSE, STRASSE. In Rio macht das Autofahren auch Spaß. Keiner hält sich an Regeln, außer vielleicht an die eine, dass das Auto gegenüber allen anderen Verkehrsteilnehmern grundsätzlich und uneingeschränkt Vorfahrt hat. Meistens steht der Carioca aber im Stau. Wenn es dann tatsächlich einmal etwas STRASSE gibt, dann heizen alle wir irre. Autofahren in Deutschland ist wesentlich entspannter. STRASSE gibt es hier satt - wie in Rio den Sommer.
5. Minderheiten
Hat jemand schon einmal untersucht, ob Minderheiten nicht besonders privilegiert sind? Bestimmt ist diese Erkenntnis nicht neu. Hier in meiner Heimatstadt Flensburg ist meine brasilianische Frau mir gegenüber eindeutig im Vorteil. Durch ihre Vernetzung mit den ca. hundert ansässigen Brasilianern hat sie ganz andere "Connections". So gelang es ihr, für unseren Aufenthalt eine Traumsuite in einem eigentlich geschlossenenen Hotel zu buchen, für verhältnismä゚ig wenig Geld. Nun residieren wir in Glücksburg direkt am Strand mit traumhaftem Ausblick auf die Flensburger Förde. Alle geplanten Trips in deutsche Städte haben wir kurzerhand abgesagt. Hier ist es toll. In Rio habe ich übrigens die besseren Verbindungen, obwohl meine Frau dort aufwuchs!
HOME BY THE SEE (Glücksburg)
So
11
Jul
2010
WM Blog Rio Teil 11
Gestern war nichts mehr mit VIP-Lounge und das war anscheinend gut so. Stattdessen echtes FIFA-FAN-FEST-Feeling im Sand direkt vor dem Riesenbildschirm mit einem Erfolg des deutschen Teams.
Ich hatte, ja wie bereits geschrieben, jegliches WM-Gefühl nach dem Spiel gegen Spanien verloren und war mehr als überrascht von dessen Rückkehr, als gestern das erste Tor für die Deuschen fiel, während ich zunächst noch desinteressiert mit meinen brasilianischen Homies am Pizzastand verweilte. Plötzlich war es wieder da, diese Lust zuzuschauen. Zusammen mit hunderten Zuschauern am Strand sitzen und sich auf dieselbe Sache konzentrieren, das macht für mich - tendenziell sonst eher weniger Fußballinteressierten - den Reiz dieser Fußball-WM aus.
Der überwiegende Teil der Zuschauer beim FIFA FAN FEST war übrigens für Uruguay, da ein Spieler (Loco Abreu) beim hiesigen Club Botafogo spielt. Ich rief laut immer wieder "Cacau, Cacau", um daran zu erinnern, dass das deutsche Team immerhin auch über einen Brasilianer verfügte.
Nach dem Match spielte die brasiliansiche Pagode-Band Grupo Molejo. Alle tanzten im Sand. Ein schöner Abschied vom FIFA FAN FEST! Das WM-Finale heute gucke ich mir gleich zu Hause an. Nebenbei müssen nämlich noch Koffer gepackt werden, denn heute Nacht geht es los Richtung Heimat. Auf dem FAN FEST wäre ich heute sonst gern gewesen. Im Anschluss an das Spiel wird JOTA QUEST spielen, eine hier außerordentlich populäre Band.
Fans von LOCO ABREU
Do
08
Jul
2010
WM Blog Rio Teil 10
Viele Deutsche in Rio, unter anderem auch die Lehrer von der Deutschen Schule Corcovado, waren gestern von RIO TUR eingeladen, sich das Spiel gegen Spanien in der "Camarote" des FIFA FAN FESTs anzusehen - einer Art VIP-Area. Besonders meine Frau freute sich über die Einladung sehr, während viele meiner Kollegen lieber in der Menschenmenge stehen wollten und es bis auf einige Ausnahmen auch taten. Abgesehen vom Spielergebnis war es in der Camarote sehr schön. Eine kleine Lounge mit Freibier vom Faß und kleinen Snacks, aber vor allem einem großen Balkon im Schatten mit Blick auf Zuschauer und Riesenbildschirm.
Wie haben wir Deutschen in Rio die Niederlage weggesteckt? Mit Freibier und mit Fassung würde ich sagen. "Die Spanier waren besser" war man sich einig. Nach Sonnenuntergang fand ich das FIFA FAN FEST dann doch sehr düster.
Schade, dass Deutschland draußen ist. Mein WM-Fieber ist erstmal gesunken. Für das Spiel um den dritten Platz fehlt mir bisher das rechte Interesse und auch das Finale ist noch ganz weit weg. Mal sehen, ob da in den kommenden Tagen noch einmal etwas WM-Feeling aufkommt.
Unter die Bildergalerie von gestern stelle ich noch ein fröhlicheres Video meines Freund und Kollegen Uwe Brunn. Er hat es in der Menschenmenge des FIFA FAN FEST aufgenommen, als Deutschland gegen Argentinien ein Tor geschossen hat.
Mo
05
Jul
2010
WM Blog Rio Teil 9
...mit einem Teller selbstgemachter Spätzle!
Seitdem Deutschland 4 zu 0 gegen Argentinien gewonnen hat, bekomme ich unentwegt von allen Seiten Gratulationen, so als ob ich persönlich für den Sieg Verantwortung zeichnen könnte. Der Beisatz lautet meistens: "Jetzt werdet ihr Weltmeister!" Wir Deutschen hier in Rio reiten auf einer Welle brasilianischer Wertschätzung, wie ich sie zuvor nicht erlebt habe. Es mag ja auch daran liegen, dass Deutschland die verhassten Argentinier rausgekickt hat - obwohl von vielen Seiten auch Mitleidsbekundungen in Richtung Maradonna unternommen werden.
Manchmal habe ich die Befürchtung, dass der Eindruck entstehen könnte, als ob wir Deutschen hier in Rio von einem Fan Fest zum nächsten pilgern und uns ansonsten die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Wenn ich also im Folgenden von den leckeren Käsespätzlen auf der ARD-WM-Party vom vergangenen glorreichen Fußballsamstag schwärme, möchte ich auf keinen Fall unerwähnt lassen, dass alle Expats die ich hier kennen gelernt habe, viel mehr und viel härter arbeiten, als sie es aus ihrer Heimat gewohnt sind. Bei einem so schönen Dienstort wie Rio de Janeiro mag da manch einer an ausgleichende Gerechtigkeit denken und hat vielleicht sogar Recht dabei. Sicher erholt man sich in einer Traumstadt wie Rio schneller als anderswo, aber man soll sich von den Fotos mit Bilderbuchkulissen auch nicht täuschen lassen. Hier wird mehr oder mindestens genauso malocht, wie zu Hause - da helfen alle Palmen nichts.
ARD WM-Party im Studiogebäude (Jardim Botanico)
ARD WM-Party Indoor-Bereich
Nun aber zum Spielbericht. Für mich begann das Spiel mit einem persönlichen Ärgernis: Wir waren nämlich zu spät dran und saßen kurz nach dem Anpfiff noch im Auto auf dem Weg zum ARD-Studio im Jardim Botanico. Meine Frau versuchte mich zu trösten und startete ihr kleines Netbook mit Internetstick. "Deutschland hat, glaube ich, schon ein Tor geschossen" hörte ich sie rufen. Sie hatte es tatsächlich geschafft, über Globo.com ein Livebild der Fußballübertragung auf den kleinen Bildschirm in unserem fahrenden Auto zu zaubern, was mein Konzentrationsvermögen auf den rasanten Straßenverkehrs Rios auf eine harte Probe stellte.
Die restlichen 3 Tore genossen wir auf einer wunderschönen WM-Party der ARD. Thorsten hatte nach eigenem Rezept die bereits erwähnten Spätzle vorbereitet und auch leckeres brasiliansches Rindfleisch gab es direkt vom Grill. Der Hammer war, dass auf den zahlreichen Fernsehern im Studiogebäude der deutsche Originalkommentar zu hören war. Welch ein Unterschied zu dem brasilianischen Kommentatoren! Im Vergleich zu den inzwischen für mich gewohnten brasilianischen Kommentatoren hörte sich der deutsche so an, als ob er eine Familienpackung Valium konsumiert hatte. Das Wetter war auch sehr schön und angenehm mild und bestimmt nicht so heiß, wie in Deutschland. Das war jedenfalls mein Eindruck, als ich die Liveschaltung zum Brandenburgertor und die vielen schwitzenden Menschen sah. Lieber Thommy, lieber Thorsten: Vielen Dank für dieses Fest!
Ich bin zwar immer noch ein bisschen traurig, dass Brasilien schon ausgeschieden ist. Auf der anderen Seite erspart mir dieser Umstand die innerfamiliäre Konfrontation, die eventuell entstanden wäre, wenn Deutschland und Brasilien aufeinander getroffen wären. Jetzt, so habe ich den Eindruck, sind viele Brasilianer für die Deutschen und es ist irgendwie schön, gemeinsam auf das Weiterkommen beim nächsten Event zu hoffen.
Sa
03
Jul
2010
WM Blog Rio Teil 8
Ich verfolge ja durch das Internet regelmäßig die deutsche Berichterstattung über Brasilien. Oft kann ich das dort Behauptete wenig bis gar nicht nachvollziehen und wundere mich immer wieder über die vielen Katastrophenmeldungen, von denen hier in Rio kaum jemand etwas mitbekommt. Ich meine nicht die aktuelle Situation im Nordosten, wo viele Menschen ihre Häuser verloren haben. Die Cariocas sammeln für die Opfer des Unwetters u. a. auf dem FIFA FAN FEST. Ich meine die oft überzogene und klischeehafte Berichterstattung über Brasilien im Allgemeinen.
Der heutige Tag ist ein ausgezeichnetes Beispiel für dieses Phänomen. Schlagzeile in Deutschland (z. B. ARD Nachrichten) heute: "Brasilien im Schockzustand". Meine subjektive Wahrnehmung dazu:
Klar sind die Brasilianer traurig, dass sie bei der WM ausgeschieden sind. Ich habe heute Mittag (hier begann das Spiel um 11.00 Uhr) auch einige (vor allem Kinder) weinen sehen. Von Schockzustand ist aber jedenfalls in meinem Viertel Copacabana absolut keine Spur. Die Leute sitzen in ihren bunt dekorierten Bars und lachen längst schon wieder bei Bier und Gegrilltem. Im Fernsehen und natürlich auch in den Bars werden - ganz normal denke ich - die Schuldigen gesucht. Die meisten sind sauer auf Felipe Melo, verständlicher Weise nach so einem brutalem Foul. Auch Trainer Dunga wird scharf kritisiert. Viele Brasilianer halten Mick Jagger für den Unglücksbringer, da jedes Team, für das er gehofft hat (in der Reihenfolge USA, England und zum Schluss Brasilien) ausgeschieden ist.
Ich hatte heute morgen ja schon so ein komisches Gefühl und war auf eine Niederlage eingestellt. Wie gut die Cariocas diese wegsteckten imponiert mir aber. Vielleicht - hoffentlich nicht - können wir uns morgen im Falle der Niederlage gegen Argentinien eine Scheibe von dieser Haltung abschneiden!
Fortsetzung folgt...
Fr
02
Jul
2010
WM Blog Rio Teil 7
Delaine im NDR-Fernsehen 2006
"Vier Jahre sind doch eine lange Zeit", dachte ich eben beim Betrachten der NDR-Fernsehaufnahme von 2006, in der meine Frau, damals noch Studentin an der Uni in Kiel, ihren "WM-Tipp gegen Delling" abgab. Sie sollte das WM-Spiel Brasilien gegen Kroatien tippen. Heute spricht sie übrigens wesentlich besser Deutsch als damals, was mir die Hoffnung gibt, dass mein Portugiesisch hier in Brasilien auch noch weiter vorankommen kann.
Delling vermisse ich hier in Rio übrigens sehr!
Das NDR-Video mit dem Tippspiel zur WM 2006 ist hier zu sehen. Delaines Auftritt ist gegen Ende der Aufnahme, das Warten lohnt sich :-)
Di
29
Jun
2010
WM Blog Rio Teil 6
Sonntag, 27. Juni 2010
Was tut man nicht alles für sein eigenes Projekt? Ich habe mir sogar ein Trikot der deustchen Mannschaft angezogen, um für "WM Erleben" als ordentlicher Fußballfan auch für mein Land Farbe zu bekennen. So ganz wohl habe ich mich dann darin nicht gefühlt, obwohl ich angesichts des Spiel-Ergebnisses (4 zu 1 für Deutschland) ja keinen Anlass hatte, mich zu schämen. Vielleicht bin ich ja noch in der Adaptationsphase Nationalstolz bzw. öffentlicher Fußballfan.
Über das FIFA FAN FEST in Rio habe ich an dieser Stelle ja schon viel geschrieben. Es ist mit Sicherheit einer der schönsten Orte, um Fußball zu genießen.
Beeindruckend waren für mich die in im Verhältnis zu den deutschen Fans in Unterzahl anwesenden Engländer. Ein Grüppchen von ihnen stand direkt neben meinen deutschen Kollegen im Sand und knirrschte wohl ziemlich mit den Zähnen. Aber selbst bei dem ihnen durch die Fehlentscheidung des Schiedsrichters aberkannten Tor behielten sie die Nerven und verhielten sich ruhig. Erst beim 3 zu 1 hatten einige die Schnauze endgültig voll und räumten das Feld. Hoffentlich bleibt uns (Brasilianern und Deutschen) dieses Gefühl noch lange erspart. Das WM-Fieber ist einfach zu schön! Das Video weiter unten zeigt eine Aufnahme meines Freundes Uwe Brunn, die er direkt nach dem Abpfiff an der Copacabana aufgenommen hat. Einige Fotos habe ich noch hinzugefügt.
So
20
Jun
2010
WM Blog Rio Teil 5
Nach zehn Tagen der Kälte ist die Wärme nach Rio zurückgekehrt. 30 Grad waren heute Mittag auf den Thermometern an der Copacabana abzulesen. Auf dem "Fifa Fan Fest" am Strand von Leme (gegenüber dem berühmten Hotel Copacabana-Palace) saßen und standen die Zuschauer des Spiels Italien vs. Neuseeland dichtgedrängt in den spärlich beschatteten Bereichen der großen Open-Air-Strandarena, weil es in der prallen Sonne kaum zum Aushalten war.
Das Spiel Brasilien vs- Elfenbeinküste haben wir zu Hause auf unserer in Brasilien hergestellten LED-Glotze von Samsung gesehen. In HD! Man sieht jeden Grashalm! Ein brasilianischer Fernsehingenieur, dem ich neulich zufällig begegnete, erklärte mir, dass das brasilianische HD-Fernsehen das beste der Welt sei - viel schärfer als in Deutschland oder Japan. Werde ich beim nächsten Besuch in der Heimat überprüfen...
So
20
Jun
2010
WM Blog Rio Teil 4
Elfmeter beim heutigen Spiel FLUMINENSE vs. AMERICA
Heute Nachmittag waren wir mal wieder bei einem Fussballspiel meines Schwagers Ilidio (www.ilidio.jimdo.de), der in der Jugendmannschaft des brasilianischen Topvereins Fluminense spielt. Das Spiel von Ilidio (Fluminense vs. America) fand am Nachmittag im Stadion von Portugesa statt, einer etwas verfallenen, aber durchaus charmanten, großen Sportanlage auf der Halbinsel Ilha do Governador in der Guanabara-Bucht. In regelmäßigen Abständen fliegen riesig anmutende Flugzeuge über das Spielfeld, das in der Nähe des internationalen Flughafens von Rio de Janeiro liegt.
Das WM-Fieber hatte sich bei mir schnell wieder gelegt und eigentlich wusste ich gar nicht, wer heute wm-mäßig dran war. In der Halbzeitpause kam ich in der Stadionhalle an einem kleinen, einsamen aber angeschalteten Fernseher vorbei, der über einem Imbisstresen befestigt war. Dort spielte Kamerun gegen Dänemark! Aus Flensburg stammend ist mir Dänemark ja sehr nah und ich war sofort gefangen von dem Spiel. Die wenigen, ihr Samstagnachmittagsbier trinkenden Gäste in der Halle schienen recht erstaunt, dass da jemand einem aus brasilianischer Perspektive so unbedeutendem Spiel beiwohnte. Als ich dann beim 1 zu 1 Ausgleich der Dänen gegen Kamerun laut, freudig und auf deutsch "Tooor" rief, kam meine Schwiegermutter und umarmte mich um den Anwesenden zu demonstrieren, dass der verrückte Gringo in normaler Begleitung war und es somit keinen Anlass zur Sorge gab.
Irgendwie ist Dänemark von Brasilien noch weiter entfernt als Deutschland. So war es für mich heute wirklich eine Überraschung, auf der Ilha do Governador im endlich wieder erdig warmen Rio den aus meiner norddeutschen Vergangenheit so vertrauten Namen wie Sørensen oder Kjær zu begegnen. Ein gewaltiger Kontrast!
Ich beim Betrachten des Spiels Kamerun vs. Dänemark
... im Fussballgespräch mit einem Brasilianer im Flamengo-Trickot
So
13
Jun
2010
WM Blog Teil 3
Etwas abseits im Lebloner Cobal liegt der "Bier Park", wo eine bunt zusammengemischte Gruppe von Deutschen, teilweise in Begleitung der brasilianischen Ehepartner und Freunde, das erste Spiel der deutschen Mannschaft verfolgte. Ich konnte mich anfangs nur schwer auf das Spiel konzentrieren. Neue Gesichter in der Runde waren interessanter. Es ist immer wieder sehr spannend zu sehen, wer in Rio auf welchem Wege landet. Es ist toll, neue Kontakte zu knüpfen! Auch dafür ist die WM also gut. Irgendwie fehlte mir zur besseren Konzentration auf das Spiel auch die Vorbesprechung der Partie durch Delling und Netzer (machen die das überhaupt noch?). Nach dem ersten Tor von Podolski zog mich das Spiel natürlich genauso in seinen Bann, wie die übigen Zuschauer im "Bier Park".
Der Hammer war für mich das vierte Tor von Cacau, das zu lauten "Brasil, Brasil" rufen führte, was die Kellnerin (mit deutscher Fahne im Hosenbund) und den Kellner, beide im brasilianschen Trickot servierend, sichtlich berührte.
Das WM-Fieber hat mich gepackt :-)
So
13
Jun
2010
WM Blog Rio Teil 2
Ich kann es nicht lassen: Ich muss wieder zwei Sätze über das Wetter hier schreiben! Vielleicht will Petrus mich ja für meinen Blog-Artikel über das Juniwetter bestrafen, jedenfalls wird es momentan nicht - wie sonst immer - gleich wieder warm, sondern es bleibt kalt - und das schon seit drei Tagen, bibber. Letztes Jahr habe ich keine Jacke gebraucht (nur an zwei Tagen einen dünnen Pullover). Gestern, auf dem "FIFA FAN FEST" habe ich es sehr bereut, gar keine Jacke nach Rio mitgenommen zu haben. Ansonsten ist das "Public Viewing" am Strand der Copacabana (eigentlich Leme) eine feine Sache. Die Fifa hat nämlich eines von insgesamt sechs dieser "FIFA FAN FESTE" in Rio de Janeiro stationiert. Die anderen stehen in Paris, Berlin, Mexico-City, Sydney und Rom.
Man kommt kostenlos hinein, muss sich aber mit dem Metalldedektor untersuchen lassen. Drinnen gibt es VIP-Bereiche, ein Sony-3D-Zelt, viele Restaurants und natürlich eine Riesenleinwand. Der Notausgang befindet sich direkt vorm Atlantik.
Das Spiel England gegen USA hat die Leute nicht so vom Hocker gerissen. Heute wird vielleicht mehr los sein, wenn Deutschland spielen wird. Wir fahren aber ins Cobal Leblon, um uns mit einigen deutschen Freunden das Spiel etwas gemütlicher anzusehen....
Bilder von gestern habe ich in diese Galerie gestellt:
Fr
11
Jun
2010
WM Blog Rio Teil 1
Außer diesen flüchtig aufgenommenen Bildern aus dem heute ziemlich kalten und windigen Rio kann ich am ersten Spieltag der WM noch nichts Großartiges vermelden. Die Straßen sind teilweise mit silbrigen Lametter geschmückt und man sieht vereinzelte Autos, die mit der brasilianischen herumfahren. Alle reden aber von der WM!
Tankstelle mit WM-Deko
Interessanter erscheint mir das kleine Video (siehe unten), dass ich während der Werbepause zwischen dem Spiel Uruguay-Frankreich einfach vom Fernsehen abgefilmt habe. Man sieht neben ein paar Spots, die auf die WM Bezug nehmen auch einen selbstironischen Clip von VISA: Dort wird das brasilianische Unvermögen von Verkäufern auf die Schippe genommen, ausreichend Wechselgeld in der Kasse bereit zu halten. Und das stimmt wirklich! So mancher meiner Kaufwünsche zerplatze hier in Rio, weil man nicht auf 20 Reais (jetzt ungefähr 8 Euro) rausgeben konnte :-)
Die Tonqualität (meine Tochter jubelt im Vordergrund, der Fernsehton ist im Hintergrund kaum hörbar) und die wackeligen Bilder unterstreichen den originalen Charakter meines heutigen WM Erlebens!
Sa
05
Jun
2010
Rio im Juni - Rio em Junho
Portugiesisch von Delaine Pastor Kühn
Irgendwie seltsam, dass das Thema Wetter für mich so interessant geworden ist. Aus Flensburg stammend ist das Wetter Rios für mich nämlich ein Wunder. Vielleicht finde ich das Wetter in Rio aber auch deshalb so spannend, weil es ganz anders ist, als ich es mir in Deutschland vorher ausgemalt hatte. Diese Andersartigkeit ist schwer zu beschreiben. Tatsächlich ist es für meine Gefühle immer warm hier. Sucht man objektive Parameter zur Beschreibung dieses Phänomens, so lässt sich das Thermometer zu Rate ziehen. Der tiefste von mir selbst erlebte Celcius-Wert während meines mittlerweile anderthalb Jahre dauernden Aufenthaltes in Brasilien war 16 Grad. 16 Grad ist in Flensburg ein mehr als akzeptabler Wert. In Rio ist er unangenehm. Man friert wie Sau. Aber meist nicht lange, weil, eh man sich es versieht, ist es schon wieder 26 Grad warm.
De algum jeito estranho, o assunto temperatura ficou interessante pra mim, que como uma pessoa, que vem de Flensburg (Norte da Alemanha), vejo a temperatura do Rio, realmente, como um milagre. Talvez, eu acho a temperatura do rio tão interessante, porque quando eu ainda morava na Alemanha, eu o imaginava muito diferente. Essa diferença é dificil de descrever. A minha impressão é que aqui está sempre quente. Procurando parâmetros objetivos para descrever esse fenômeno, sou ajudado pelo termômetro. Eu moro no Rio há quase um ano e meio e a temperatura mínima, que já presenciei aqui foi de 16 graus C. 16 graus na alemanha é uma temperatura muito aceitável. Mas no Rio é muito desagradável. É frio pra caramba, mas não dura muito tempo, porque logo fica quente novamente, e termômetro bate 26 graus.
Der Naturwissenschaftler erklärt das Frieren auch bei Werten von über 20 Grad mit der höheren Luftfeuchtigkeit. Ich glaube nicht so richtig daran. Frieren bei 22 Grad lässt sich für einen Flensburger gar nicht erklären. Ich versuche es dennoch.
Os cientistas explicam, que as pessoas podem sentir frio também com temperaturas superiores à 20 graus, devido à alta umidade do ar. Eu não acredito muito bem nisso. Sentir frio com 22 graus, não é explicável para um „Flensburguense“. Mas eu tentarei explicar.
Während der meisten Monate im Jahr herrscht in Rio eine bullige Wärme, die alles dominiert. Diese sehr starke Wärme hat m. E. nichts mit der Sommerhitze in Europa zu tun, wie ich sie erinnere. Die Sommerhitze Europas hat etwas von einer übertriebenen Entladung nach langer
ungerechter Kälte, etwas Aggressives und Nervöses, das punktuell auftritt. 30 Grad und mehr habe ich in Deutschland gleichermaßen selten erlebt wie selten als angenehm empfunden. In Rio kann ich 40 Grad gut aushalten, in Griechenland gehe ich bei 37 Grad ein wie eine Primel. Die Wärme Rios ist nicht so feindselig, wie die Hochsommerhitze Südeuropas, die alles Grüne zu braun-grauem Staub verbrennt. Deshalb bleibe ich bei der Bezeichnung „starke Wärme“, wenn ich über das niemals verbrannte und immergrüne Rio spreche. Diese Wärme ist erstaunlich würzig und mächtig und haut dich jedes Mal wieder um, wenn du aus einem klimatisierten Geschäft, Supermarkt, Auto oder Büro kommst. Die Macht dieser erdig riechenden, gewaltigen Wärme scheint nicht mit einer mehr oder weniger starken Sonneneinstrahlung zu korrespondieren, auch vor Tag oder Nacht macht sie kaum Unterschiede. Die Wärme ist immer und überall. Man schwitzt unentwegt und muss ständig duschen, wenn man – wie die Cariocas – Wert darauf legt, nicht zu riechen. Die Wärme ist der rote Faden Rios, der alles irgendwie miteinander verbindet und in Beziehung setzt. Diese Wärme hat etwas Rauschhaftes. Einen Schutz vor Arbeit stellt sie dagegen nicht dar. Die Einwohner Rio de Janeiros arbeiten viel härter und länger, als ich es aus Deutschland her kenne. Das wenigstens haben Unter- und Oberschicht gemeinsam: Wenn Arbeit, dann nicht unter 12 Stunden täglich.
Na maioria dos meses do ano impera, no Rio, um calor intenso, que domina tudo. Esse calor forte, é, na minha opinião, muito diferente do calor de verao na Europa. O calor europeu tem, como característica, uma descarga exagerada de calor, depois do injusto inverno, algo agressivo e nervoso com pontualidade. Eu presenciei, raramente, na Alemanha temperaturas superiores a 30 Graus, assim como, raramente, me senti confortável, com tais temperaturas. No Rio consigo suportar 40 graus muito bem, já na Grécia com 37 graus, derreto como um picolé. O calor do Rio não é tão avalassador, quanto o calor do verão do Sul europeu, que transforma todo o verde em marron-cinza queimado. Por isso, fico com a denominação „Calor forte“, se eu falo do Rio, que nunca fica marron-cinza queimado e continua sempre verde. Esse calor é surpreendentemente aromático, potente e, é sempre uma grande sensação, se você sai de uma loja, supermercado ou carro com ar-condicionado. A força dessa terra aromática e calor intenso não corresponde aos raios solares, se estao intenso ou fracos, até mesmo dia e noite não apresentam grande diferença. O calor está sempre presente. As pessoas transpiram constantemente e precisam tomar vários banhos, se as pessoas, assim como, os cariocas derem importância em não ficar com mau cheiro. A temperatura alta é o que dá sentido ao Rio, que estão conectados e sintetizados. Essa alta temperatura é como um porre. Não é impedimento para o trabalho. Os habitantes do Rio trabalham mais duramente e por mais tempo do que as pessoas na Alemanha. Pelo menos, os pobres e os ricos tem algo em comum em relação ao trabalho: Quando trabalham, trabalham sempre mais que 12 horas diárias.
Auch ich springe hier morgens nicht leicht aus dem Bett. Um 5.30 Uhr ist der Krieg gegen Nachtschwüle und brüllenden Lärm der Aircondition gerade vorbei, da fängt der Tag plötzlich an. Du liegst in deiner Soße, die zwar keine Blutlache ist, aber dennoch Zeugnis über die nächtlichen Kriegshandlungen ablegt. Rasieren geht nur vorm Duschen. Der Gedanke an lange Hose, Socken und geschlossene Schuhe ist ein quälender. Aber wenn ich dann mit meinem Auto durch den Tunnel Velho fahre und in Botafogo schon die Sonne aufgegangen ist, dann bin ich meistens fit und ungewöhnlich wach. Die Wärme trägt dich gemeinsam mit deinen Mitmenschen auf einer ganz speziellen Welle durch den Tag. Die Wärme schlaucht dich, verbindet dich mit allen und allem, macht dich müde und trotzdem aufmerksam. Abends bist du wieder ganz wach und das milde, eiskalte brasilianische Bier schmeckt dir besser denn je.
Eu também me levanto com muita dificuldade da cama. O dia começa para mim, às 5:30, e assim, acaba a guerra contra a noite abafada e o barulho do ar-condicionado. Eu nado no meu suor, que não é sangue, mas testemunha de uma noite de guerra. Só posso me barbear, se for antes do banho e, é um sofrimento pensar em usar calças comprida, meias e sapatos fechados. Mas quando atravesso o túnel velho com o meu carro e, já em Botafogo, vejo o Sol brilhante, aí me sinto em forma, renovado e, extraordinariamente, acordado. O calor te coloca junto ao próximo de uma forma especial. O calor te exausta e te liga a tudo e a todos, te faz cansar e, ao mesmo tempo, atencioso. À noite você está de novo acordado e esperto. E a suave, mas geladíssima cerveja brasileira é, como se fosse, a cerveja mais saborosa do mundo.
Was passiert nun im Juni, im Spätherbst, wenn die Wärme auf einmal nicht mehr bullig ist? Es wird Winter! Nicht dass es im Juni richtig kalt wäre. Es ist eher so, wie an einem schönen Tag im Mai in Flensburg, mit dem Unterschied, dass es hier bereits um 17.30 Uhr dunkel ist, dafür aber einigermaßen warm bleibt. Die Touristen, die jetzt noch in Badehosen durch die Straßen meines Stadtteils Copacabana laufen, wirken bizarr auf mich. Mein Jahreszeitengefühl ist also noch da und inzwischen sogar genauso verschoben, wie mein Kälteempfinden. Konnte ich 2009 im Januar noch keine richtigen Sommergefühle generieren, so war dies in diesem Jahr kein Problem mehr. Und jetzt im Juni ist für mich amtlicher Spätherbst. November irgendwie. Das Licht gibt mir Recht: Es ist ebenfalls herbstlich, was aber keinem weiter aufzufallen scheint. Den skandinavischen Touristen, die es auch im Juni schaffen, sich die Haut auf Krabbenfarbe zu burnen, jedenfalls bestimmt nicht.
O que acontece agora em Junho, final de outono, quando a temperatura, de uma vez, não for mais tão alta? Será Inverno! Não, que em junho não seja, realmente, frio. É como se fosse um lindo dia de maio em Flensburg, com a diferença de que aqui escure às 17:30, porém a temperatura não cai muito. Os turistas, que continuam andando com roupas de praia, onde eu moro (Copacabana), me parecem sem noção. Minha sensação é de um inverno deslocado, com minha sensacao de frio. Em janeiro de 2009, eu não conseguia ter a real sensação de verão, mas esse ano já consegui perfeitamente. E, agora, junho, é pra mim final de outono. Tipo novembro. Somente a claridade do dia, me dá razão de que é Outono, porém essa semelhança, acaba por aí. Com certeza, os turistas do Norte da Europa, que conseguem, também em junho, ficar vermelhos como camarão, não percebem essa diferença.
So
28
Mär
2010
Heiraten in Rio / Casamento no Rio de Janeiro
1. Teil - Standesamt
Meine Schwägerin Adriana hat ihren Bräutigam Luca in Salvador kennen gelernt. Das ist inzwischen einige Jahre her. Zusammen mit ihm, er ist Italiener, besuchte sie uns, als wir noch in Deutschland lebten. Adriana und Luca waren auch schon gemeinsam in Italien und Argentinien und haben einiges gesehen, doch für beide ist es in Rio de Janeiro am schönsten. Luca schafft es beruflich, ein halbes Jahr in Brasilien zu verbringen: Einer Heirat stand also nichts mehr im Wege.
1ª parte - Cartório
Minha cunhada Adriana conheceu seu marido Luca em Salvador. Isso aconteceu há alguns anos atrás. Ela nos visitou juntamente com ele, que é Italiano, quando nós ainda morávamos na Alemanha. Adriana e Luca já estiveram na Italia e Argentina e em outros lugares, mas para eles o Rio de Janeiro é o lugar favorito. Através de algumas vantangens profissionais, Luca passa seis meses no Brasil: Não tinha como evitar o casamento.
Genau wie in Deutschland müssen die Brautpaare zunächst aufs Standesamt – in Rio heißt es Cartorio. Die zu erledigen Formalitäten stehen denen auf einem deutschen Standesamt in nichts nach und sind auch genauso langwierig. Die standesamtliche Trauung verläuft aber doch ein wenig anders.
Assim como na Alemanha os noivos tem que se casar primeiro no Standesamt. No Rio chama-se Cartório. Que assim como na Alemanha sao feitos apenas para as formalidades e sao tao chatos quanto. Mas o casamento civil acontece um pouco diferente.
Das Cartorio, das für Adriana und Luca zuständig ist, liegt an der Nossa Senhora de Copacabana – eine Tag und Nacht mit Menschen und Autos überfüllte Straße unweit des berühmten Strandes von Rio de Janeiro.
O cartório competente fica na Av. Nossa Senhora de Copacabana - Um lugar com pessoas e carros por todo tempo, há poucos metros da praia mais conhecida do Rio de Janeiro.
11. März 2010
Die Trauung sollte um 19.00 Uhr stattfinden. Genau denselben Termin hatten allerdings ca. 19 weitere Brautpaare, die natürlich auch nicht ohne Verwandtschaft gekommen waren. Es war also knüppelvoll im Standesamt und sehr interessant zu sehen, wie sich die Pärchen mit ihren Trauzeugen (ich war auch einer) durch den Pulk der Massen zum Anmeldeschalter drängelten. Alles voll mit Bräuten! Scherzhaft sagte ich zu Luca, dass es nun die letzte Gelegenheit sei, seine Braut gegen eine der anderen Anwesenden zu tauschen. Daran hatte er aber aus sehr verständlichen Gründen kein Interesse. Nach der Anmeldung begann das eigentliche Warten, entweder gedrängt im klimatisierten Cartorio, oder in der nächtlichen Gluthitze der Nossa Senhora.
Trauzeugen! Testemunhas!
11 de março de 2010
A cerimônia deveria começar às 19h. Exatamente o mesmo horário teria, entretanto, aproximadamente 19 casais, que, naturalemente, levaram também seus familiars. Estava muito cheio e muito interessante ver como os casais com seus padrinhos (testemunhas), se corriam atrás de um lugar na fila de espera (no balcão de inscrição). Tudo cheio de Noivas! Como brincadeira falei para o Luca, que seria sua última chance de trocar sua noiva pelas outras presentes. Mas, compreensivelmente, ele não tinha nenhum interesse nisso. Depois da inscrição começou a verdadeira espera, ou esperava-se dentro do cartório cheio, mas com ar condicionado ou esperava-se no calor noturno da Nossa Senhora.
Nach gut einer Stunde später war es dann soweit: Adriana und Luca durften vor die Richterin treten, aber nicht alleine, sondern zusammen mit sechs weiteren Brautpaaren! Eine Schlange für die Brautpaare, eine für die Verwandten und Trauzeugen. Die Richterin, die an einer großen Theke mit einem großen Jesusbild dahinter stand, sprach zunächst die anwesenden Heiratswilligen und deren Verwandten gemeinsam an, bzw. hielt eine kurze Rede. Was dann passierte überraschte mich. Sie nahm sich nämlich für Adriana und Luca, die als erstes Pärchen vor die Theke treten durften, richtig Zeit und fand auch persönliche und durchaus glaubwürdige Worte, was dazu führte, dass ich trotz des langen Wartens und der Massenabfertigung zum Schluss doch ein gutes Gefühl hatte und mit guter Laune mit unserer Familie in unser Stammrestaurant zog.
Depois de uma hora de espera, comecou: Adriana e Luca poderiam estar diante da Juíza, mas, juntamente, com outros seis casais! Uma fila para os casais e uma outra para os familiares e testemunhas. A Juíza, que tinha na parede um quadro de Jesus, falou sobre um pouco sobre o casamento. Eu fiquei surpreso, quando ela chamou, como primeiro casal, Luca e Adriana. Ela falou no tempo certo, palavras bonitas, que eu até mesmo, depois da longa espera, saí dali com um bom sentimento e bom humor e fui junto com minha família para o nosso restaurante de sempre.
2. Teil - Hochzeit am Strand
Im vergangenen Jahr war ich zu einem Kinderfest am Strand von Leme eingeladen. Adriana war damals mit dabei und hatte von diesem Zeitpunkt an den Wunsch, ihre Hochzeit genau an diesem Strand zu feiern. Ich hatte einige Bedenken, da das Wetter in Rio zwar zu 90 Prozent schön ist, aber Unwetter mit Sturm und Regen in regelmäßigen Abständen gleichermaßen heftig wie schwer vorhersagbar vorkommen. Da aber alle Menschen, die Heiraten, sich durch besondere Risikofreude auszeichnen, ließ sich Adriana nicht von ihren Strandplänen abbringen und am 13. März war der lang ersehnte Tag gekommen.
2ª parte - Casamento na Praia
No ano passado, eu fui convidado para uma festa de encerramento das crianças da escola. Adriana foi junto e deste momento em diante, teve a idéia de fazer a sua festa de casamento na Praia. Eu fiquei um pouco preocupado, porque o clima no Rio é 90% maravilhoso, mas se tem chuvas e tempestades também é muito terrível e com dificil previsibilidade. Como todas as pessoas, que casam sobre risco visível, Adriana também não se intimidou dos seus planos e o dia 13 de março se aproximou.
Unsere Wohnung war der Ort, wo sich alle Frauen inklusive der Braut, für die Hochzeit vorbereiten sollten. In allen Räumen lief die Aircondition in Konkurrenz zu einer großen Zahl von Haarglättern und Föhns auf Volldampf. Hysterische Anfälle blieben zum Glück aus. Ich saß eine ganze Zeit mit Giovanna im Schlafzimmer vor der Glotze, bemüht, nicht irgendwo im Weg zu stehen. Kurz vorm Aufbruch zum Strand wurde Giovanna dann in ein sehr festliches Kleid gesteckt und auch ich zog mir einen Anzug an, was bei der Hitze Rios eigentlich kaum vorstellbar ist. Ganz zum Schluss wurde entschieden, dass ich die Braut mit meinem Auto zum Strand kutschieren sollte. Die kurze Fahrt im nicht klimatisierten Aufzug zur Garage genügte, mich komplett unter Schweiß zu stellen. Im klimatisierten Auto mussten wir am Strand angekommen noch eine ganze Weile warten, bis alle Vorbereitungen so weit gediegen waren, dass die Braut den Wagen verlassen und den Strand betreten durfte.
Nosso aparartamento foi o local, onde todas as mulheres, inclusive a noiva se prepararam. Em todos os cômodos tinha ar-condiocionado ligado em concorrência do grande número de secadores e pranchas. Mas não teve, por sorte, nenhum ataque histérico. Eu fiquei uma boa parte do tempo com a Giovanna no quarto vendo televisao, para nao ficar na frente de ninguém. Um pouco antes de partirmos em direcao à praia, Giovanna vestiu um vestido de princesa e eu vesti um terno, que para o calor do Rio é inconcebível. Já bem no fim, decidiram que eu deveria lever a noiva no meu carro. O pequeno percurso no elevador foi o suficiente para eu ficar completamente suado. No carro com ar-condicionado esperamos bastante até que todos os preparativos estivessem prontos, para que a noiva pudesse deixar o carro e ganhar a praia.
Der Pastor, der eigens aus der Gemeinde aus Colegio aus der Nordzone Rios mit dem Taxi angereist war, hielt eine lange und emotionsgeladene Predigt. Zum Glück gab es eine sanfte Brise und die Aussicht, wenigsten das Sakko bald loszuwerden. Nach der Predigt waren dann auch alle Hochzeitsgäste frei, zu Trinken und zu Essen, was das Buffet hergab, und das alles direkt am Atlantik! Keine Auspackspiele, keine Reden, kein Ringelpiez – eigentlich sehr ungezwungen und angenehm.
O pastor, que é da igreja da família em Colégio (Zona Norte) foi de taxi e fez uma pregação emocionada. Graças a Deus, tinha um pouco de brisa e pude tirar o paletó. Todos os convidados, depois da cerimônia, estavam livres para e beber e comer do Buffet e tudo isso direto no Atlântico! Sem jogos de desvendar presentes e sem discurso, simplesmente sem constrangimento e agradável.
Kurz vorm Kuchen ist ein Teil der Hochzeitsgemeinde dann noch runter zum Strand gelaufen, wo man sich die heißen Füße im warmen Atlantik ein wenig auffrischen konnte. Das Unwetter, dass sich mit einigen kräftigen Böen ankündigte, wartete noch brav, bis auch der Sekt ausgeschenkt und ausgetrunken war, danach gab es dann kein Halten mehr: Sturm und Tropenregen vom Derbsten. Irgendwie ein gelungener und für eine Hochzeit in Rio de Janeiro passender Abschluss!
Pouco antes de partir o bolo, um aparte dos convidados foram até a praia, para colocar os pés quentes no atlântico. O mau tempo, que se fortaleceu com ventos, esperou até, que pudéssemos brindar o Champagne. Depois não deu mais para aguentar. Tempestade e chuva de verão. De alguma forma, um grande final para um casamento no Rio de Janeiro!
Mi
23
Dez
2009
Weihnachtsstimmung? Na klar!
Als ich gerade in den Sonnenuntergang von Ipanema geradelt bin, habe ich versucht, mich an Weihnachten in Deutschland zu erinnern. Außer ein paar Bildfetzen kam aber nichts. Es mag an der Hitze liegen, am Sommerfeeling - ich weiß es nicht. Habe ich deshalb keine Weihnachtsstimmung? Weit gefehlt! Gerade in den letzten Tagen hat sich in mir etwas entwickelt, was eindeutig weihnachtlich ist. Zuerst war es nur ein zarter Hauch eines neuartigen Gefühls. Mittlerweile bin ich aber davon überzeugt, dass es sich um eine ausgeprägte, tropische, fröhliche und ausgelassene echte Weihnachtsstimmung handelt! Und das liegt nicht an den überkitschten allgegenwärtig wild blinkenden Lichterketten. Es ist etwas anderes und die Kälte fehlt nebenbei ganz und gar nicht.
Wir haben viel Besuch aus Deutschland und kennen natürlich auch so hier in Rio viele Deutsche. Viele (nicht alle!) klagen das gleiche Lied: Keine Weihnachtsstimmung, da zu heiß. Der brasilianische Teil meiner Familie reagiert gekränkt und irritiert. Zurecht, wie ich finde. Den Brasilianern ist Weihnachten mindestens genauso wichtig, wie den in Rio meist in sehr angenehmen Verhältnissen lebenden Deutschen. Sicher, auch hier gibt es überall die gleiche Weihnachtsästhetik, wie in den kälteren Regionen des Erdballs. Kunstschnee, dick eingepackte Weihnachtsmänner, Schlitten usw. Dass Weihnachten aber nicht zwangsläufig mit Schnee (eh in Deutschland sehr selten, in Flensburg in den vergangenen Jahren eher 7 Grad und Nieselregen) verbunden ist, zeigt ein Blick auf die globale Wetterkarte. In Jerusalem sind für die nächsten Tage 17 bis 18 Grad angesagt!
Manchmal habe ich den Eindruck, dass der eine oder andere aus Europa stammende Urlauber oder Neueinwohner in Rio zu sehr in dem gefangen bleibt, was er sich zuvor über Brasilien angelesen oder gehört hat. Mich verblüffen jedenfalls regelmäßig die Wiedergabe der aus meiner Sicht seltsamsten Klischees. Dass man hier - weihnachtlich kältemäßig europäisch sozialisiert - keine Weihnachtsstimmung bekommen kann stimmt aus meiner Sicht nur, wenn man eben ganz genau das erwartet, was man schon kennt.
Vor drei Tagen war ich mit meiner Frau im "Norte Shopping", einem etwas preiswerteren Shoppingcenter in der Nordzone Rios. Es war brechend voll. Reißverschlussverkehr vor den Rolltreppen, ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen. Dennoch, keine Rempeleien, kein Gequake, keine hochgeklappten Kragen und kältegeplagte Gesichter. Stattdessen sommerliche Frische und sehr freundliche Verkäufer. Mir persönlich fehlt die Kälte nicht und ich freue mich schon sehr auf morgen, wenn die Bude voll wird, alle etwas zu Essen mitbringen und sich keiner beschwert, wenn Giovanna auch um Mitternacht noch putzmunter ist. Frohe Weihnachten :-)
Do
01
Okt
2009
Freitagnachmittag im ARD-Studio Rio de Janeiro
Kameramann Thorsten Thielow im ARD-Studio Rio
Freitagnachmittag in Rio: An vielen anderen Orten auf der Welt und auch in Rio ist längst das Wochenende eingeleutet. Nicht so in dem idyllisch gelegenen Studio der ARD im Stadtteil Jardim Botanico. Hier herrscht auch am späten "Sexta-feira" noch reges Treiben. Auf der Terasse sitzt Büroleiterin Bettina mit Kolleginnen und Kollegen, um künftige Projekte zu besprechen. Korrespondent Thomas Aders feilt im Büro an seinen Texten zum Dokumentarfilm über Alexander von Humboldt und gewährt mir erste Einblicke in diese Produktion. Kameramann Thorsten Thielow schneidet einen Trailer zu seinem Film über Peru. Seine Bilder sind von ungeheurer Kraft. Da kann man als Amateur echt nicht mehr mithalten.
Ein paar Stunden später gegen Abend: Außer Thomas, Thorsten und mir als Gast ist niemand mehr da. Thomas und Thorsten machen noch eine Sprachaufnahme.
Was mich beeindruckt ist diese professionelle Arbeitsatmosphäre!
Hier wir mit Spaß gearbeitet. Es wird solange gerungen, bis beide Perfektionisten zufrieden sind. So muss es sein!
Die Dokumentation über Humboldt wird in der ARD als Mehrteiler im Weihnachtsprogramm laufen. Meine unbedingte Empfehlung!
Di
29
Sep
2009
In Rio hätten die Grünen gewonnen!
Stimmauszählung in der Sociedade Germania
In Rio de Janeiro fahren viele Brasilianer am Wochenende in ihre "Clubs", um sich vom Alltag zu erholen. Einer dieser, nicht selten traditionsreichen Clubs ist die SOCIEDADE GERMANIA, auch Deutscher Club genannt. Hier fand am vergangenen Wahlsonntag eine deutsche Wahlparty auf Einladung des Deutschen Konsulats in Rio statt. Neben deutscher Kost (Sauerkraut, Spätzle, Schwarzbrot usw.) gab es eine Liveberichterstattung von den Wahlen in Deutschland. Alle Gäste waren aufgefordert, auf Stimmzetteln ihre Wahlentscheidung festzuhalten und in eine Wahlurne zu stecken. Gegen 16.00 Uhr (das Wahlergebnis aus Deutschland war nach Ortszeit Rio ja bereits um 13.00 Uhr recht deutlich) erfolgte die Auswertung mit einer großen Überraschung für mich: Die Grüne Partei hatte mit Abstand die meisten Stimmen bekommen!
Fr
18
Sep
2009
Lily Allan in Rio
Obwohl ich mir gestern im Lily Allan-Konzert zeitweise ganz schön alt vorkam, habe ich diese Energiebombe doch sehr genossen. Ich finde ihre Musik mit den provokanten Texten klasse! Leider war das Publikum wahrscheinlich gar nicht so, wie Lily zu sein scheint. Nix mit Provokation, sondern reiche Oberschichtskiddies, die sich die superteuren Eintrittskarten (ca. 90 Euro!!!) leisten können, die Texte zwar auswendig und artig mitsingen, sich aber entrüsten, dass Lily auf der Bühne trinkt und - absoluter Aufreger - sogar raucht! Vielleicht gab es deswegen auch keine Zugabe. Nach einer Stunde perfektem Vorsingen der aktuellen CD war Schluss, uff.
So
16
Aug
2009
Klaupack-Abana
Was war gestern und heute bloß an der Copacabana los? So voll war es nicht mal während des Karnevals. Wochenende, knallblauer Himmel und Temperaturen um die dreißig Grad lockten nicht nur Massen von Cariocas an die Strände von Rio, sondern auch die Banditen. Gestern wurde wohl ein regelrechter Raubzug unternommen, der auch meine Bermuda samt Portomonnaie zum Opfer gefallen ist. Dieses Klaupack nervt echt. Mit der Brieftasche an den Strand gehen ist natürlich auch zu blöd, aber es war halt ein spontaner Entschluss. War ja auch wunderschön mit Delaine und Giovanna im Liegestuhl sitzen, bis dann plötzlich die Hose weg war. Kann einem in Spanien auch passieren.
Der Klauer ist dann auch gleich mit meiner Kreditkarte in den nächtsen ZONA SUL (Supermarkt) gerannt, um für ca. 50 Euro einzukaufen, was mir die freundliche Mitarbeiterin von American Express mitteilte, als ich meine Karte sperren ließ. Ein Trottel, da hätte er in einer Boutique mehr herausholen können. Er hat sich beim Kauf auch filmen lassen, was Delaine durch einen Anruf beim Supermarkt herausbekam. Die Polizei interessiert sich hier für sowas aber gar nicht. Genausowenig wie die Cariocas, die dichtgedrängt neben uns am Strand gewesen sind, als der Diebstahl geschah. Anteilnahme null.
Trotzdem sind Delaine und ich heute aufs Rad gestiegen und zur Copa gefahren. Trotz besten Wetters war die Atmosphäre alles andere als relaxed. Es war so voll, dass mit den Rädern kaum ein Durchkommen war. An sich kein Problem, aber mein Fahrrad, das durch seine besondere Größe auffällt, wird bei langsamer Fahrt Objekt einer Begierde, die ich mir nicht einbilde und die nicht gerade beruhigend ist. Allgemeine Genervtheit lässt kein Bacardi-Feeling aufkommen. Zuviel Leute auf einem Haufen und zu viel Klaupack darunter.
Egal, gleich fahren wir zu Raphaela zum Churrasco im Jardim Botanico. In der kleinen Nachbarskneipe gegenüber von ihrem Haus braucht man nur das Bier zu bezahlen, das Fleisch gibt es umsonst! Da werde ich bestimmt relaxen, jede Wette!
Mo
03
Aug
2009
Mit dem ARD-Team Rio de Janeiro in Lapa
Samstagabend klingelt das Telefon, mein Freund Thorsten Thielow, der Kameramann des ARD-Teams in Rio de Janeiro ruft an. Wenig später sitzt das Team mit dem Korrespondenten Thomas Aders, dem Tonmann Romenique und der Produzentin Tania Kert auf meinem Balkon. Ich bewundere die nagelneue Sony-HD-Fernsehkamera, die die Hälfte des Platzes auf unserem Esstisch in Anspruch nimmt.
Für den WELTSPIEGEL ist ein Beitrag über junge Pärchen geplant, die mangels eigener Wohnung auf Motels zurückgreifen müssen, wenn sie sich mal richtig nah kommen wollen. Leider sind die ausgesuchten Paare aus den verschiedensten Gründen kurz vor den Dreharbeiten verhindert und meine Frau und ich sind stolz darauf, dass unsere Lieblingscousine Raphaela und Freund Alessandro spontan einspringen.
Eine Stunde später sind wir alle in Lapa, dem Ort in Rio, wo das Nachtleben am Wochenende nur so brodelt und wo zunächst gedreht werden soll. Vor dem RIO SCENARIUM ist eine 500 Meter lange Schlange. Nach kurzen Verhandlungen kommen wir ohne Wartezeit hinein und ich freue mich, dass ich meine Kamera mitnehmen konnte! Eine tolle Nacht und viele Fotos habe ich dem ARD-Team zu verdanken - tausend Dank an Thorsten, Thomas und Tania!!!
Das Neueste vom ARD-Team Rio de Janeiro mit Filmen und Fotos aus Südamerika ist auf FACEBOOK ARD Rio zu bestaunen!
Sa
04
Jul
2009
Jazz
Da ich jetzt Urlaub habe und nicht weiß, wann ich diesen Blog weiterschreiben werde, möchte ich den letzten Blog-Artikel zwar nicht weichspülen, doch ist es mir ein Bedürfnis festzustellen, dass wir uns grundsätzlich sehr wohl hier in Rio fühlen.
Gerade waren wir in dem einen Steinwurf von unserer Wohnung entfernten MODERN SOUND, einem Plattenladen mit intergrierter Jazzbar. Fantastisch!
Den Stressfaktoren Rios stehen ebenso große Erholungskomponenten entgegen. Daran zu erinnern ist ein Gebot der Fairness!
Besos!!!
Do
02
Jul
2009
Albtraum Rio
Was hat mich zu einer so drastischen Überschrift verleitet? Was ist passiert? Ein Wechsel ins andere Klischee? Von den sonnigen Wonnen des Zuckerhuts in die finsteren, gewalttätigen, unberechenbarenbaren Abgründe Rios?
Tatsächlich bin ich immer noch dabei, die Ereignisse des vergangenen Wochenendes zu sortieren. Und ich komme kaum weiter. Fest steht: Rio fühlt sich jetzt etwas anders an, und ein mulmiges Gefühl will nicht mehr aus der Magengegend weichen.
Was ist geschehen?
Auf dem Dach des Hauses meines Schwiegervaters in der Nordzone Rios (Iraja) sind meine Familie und ich unversehens in das Zentrum einer Schießerei geraten. Wir waren gerade am Grillen. Eine Salve in der Nacht leuchtender Kugeln (man kann die Dinger wirklich SEHEN!) flog so dicht an uns vorbei, dass mir noch immer der Atem gefriert, wenn ich mich daran erinnere.
In totaler Panik packten wir unsere kleine Tochter und stürzten zusammen mit der ganzen Familie in das untere Stockwerk.
Dass man Schüsse hört, ist in Rio selbst auch in der verhältnismäßig sehr kleinen pseudosicheren Südzone Rios (Copacabana, Ipanema, Leblon usw.) nichts Ungewöhnliches. Schließlich gibt es angrenzende Favelas mit rivalisierenden Drogenheinzies (Trafikantschies genannt) fast überall. Es ist immer eine Frage der Interpretation: Waren es nun wirklich Schüsse, die man mal wieder gehört hat, oder lediglich nur eines der üblichen Feuerwerke?
Aber auch in der touristisch wenig erschlossenen, im Verhältnis sehr großen Nordzone Rios ist es nicht unbedingt an der Tagesordnung, dass man plötzlich buchstäblich mitten in der absoluten Scheiße sitzt und wie im Irak, hinter Wände in Deckung springen muss, um das Leben zu retten.
Aber genau das war die Situation, in der wir uns urplötzlich befanden.
Es spielten keine Kinder mehr auf der Straße, auch die gelben Plastikstühle mit den biersaufenden Erwachsenen waren verschwunden. Nur ein gespenstischer, gepanzerter Wagen fuhr die Rua Iara entlang...
Nach einer Stunde sind wir dann in mein Auto gestiegen und mit heruntergelassenen Fenstern (die Fenster sind so dunkel getönt, dass man selbst bei gleißendendem Sonnenlicht die Passagiere nicht erkennen kann), damit man sehen konnte, dass wir weder zu den Banditen noch zur Polizei gehörten, bis zur rettenden Schnellstraße (Avenida Brasil) gefahren...
Am nächsten Tag habe ich mir dann auch noch zu allem Überfluß total gringomäßig mein 5 Megapixelhandy klauen lassen, indem ich alle Sicherheitshinweise für Vollidioten, die das erste Mal Rio besuchen, außer Acht ließ und völlig beknackt am Fahrradweg unweit vom Strand von Ipanema die "zwei Brüder" im Gegenlicht fotografieren wollte. Ich habe den Schweinehund, der mit großer Geschwindigkeit auf dem Fahrrad auf mich zufuhr absolut nicht gesehen und nur das Gefühl von DUNKLER, NEGATIVER ENERGIE gespeichert, als dieser Mensch mir mein Handy auf Nimmerwiedersehen aus der Hand riss.
Ein ätzendes Gefühl. Nicht wegen des blöden Handys. Aber ich hatte gerade meine kleine Tochter gefilmt - am Strand - und mich schon gefreut, die neuen Filme auf diese Seite zu stellen.
Hoffentlich hat der Dieb ein ordentlich schlechtes Gewissen, falls er sich - vor dem Löschen aller Dateien - die Zeit zum Sichten meiner Aufnahmen genommen hat!
Fr
26
Jun
2009
Empregada
Heute sind meine Frau und ich mit der U-Bahn ins Centrum gefahren.
Am späten Nachmittag sind die Wagen voll. Die Leute sind müde, die Gesichter sind senfgrau, manche schließen die Augen im Stehen und probieren ein Nickerchen.
Als ein alter Mann zusteigt, will meine Frau ihm ihren Platz anbieten, doch ein junger Mann kommt ihr zuvor, so dass der agile, schlanke und elegant gekleidete Greis plötzlich neben meiner Frau sitzt und sofort ein Gespräch mit ihr beginnt. Ich verstehe nichts, denn mein Stehplatz ist zu weit entfernt und meine Portugiesischkenntnisse reichen nicht zum Verständins von knapp wahrgenommenen Wortfetzen.
Im Centrum angekommen frage ich nach dem Inhalt des Gesprächs.
Der Mann ist auf dem Weg in die Favela Morro de São Carlos. Seine Empregada (Hausangestellte) ist krank und er will ihr Medikamente bringen. Gestern war er bereits da, er war voher noch nie dort. Er berichtet von Schüssen und Elend.
Ohne in Sozialkitsch verfallen zu wollen - schließlich hat der Mann ja auch einen hohen Eigennutz von einer genesenen Empregada - bin ich doch von der Courage und diesem Bild von meiner Frau und dem Greis in der Metro irgendwie beschwingt und wieder einmal froh, in Rio zu sein.
Mi
24
Jun
2009
E-Mail-Schulden
Ich ersticke in E-Mail-Schulden.
Ich habe keine Lust, auf Eure Mails mit kurzen Belanglosigkeiten zu antworten, obwohl es vielleicht besser wäre, als gar keine Zeichen mehr zu senden.
Bald sind Ferien und ich hoffe, wieder in Kontakt mit der zurückgelassenen Welt in Deutschland treten zu können, auch wenn ich nicht nach Old Germany reisen werde.
Ganz kurz: Sehr spannend ist hier das Phänomen Wetter. Seit zwei Tagen haben wir Winter und ich renne tatsächlich den ganzen Tag im Pullover herum. Dabei ist es gar nicht kalt. Sehr merkwürdig. Die alten Rio-Hasen berichten, dass dies in jedem Jahr ihrer Anpassung schlimmer wird: Das Frieren bei 23 Grad!!!
Es liegt doch an der Gegend und NICHT an dir!!!
Fr
12
Jun
2009
Die Eltern passen nicht auf.
Samstag, 12. Juni 2009
In der Nordzone sitzen die Leute heute Abend auf der Straße.
Es wird gefeiert. Überall fließt Skol in Strömen.
Es ist Winter und trotzdem warm.
Die Kinder müssen nicht ins Bett und toben herum. Sie lernen Fahrradfahren oder spielen ganz dicht am Grill. Die Eltern passen nicht auf und trotzdem passiert nix.



















